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| Junge Literatur | Inhaltsangaben Kurzbeschreibungen Zusammenfassungen | |
Tristan da Cunha: Oder Die Hälfte der Erde Raoul Schrott Broschiert, Februar 2006 Verkaufsrang: 265555 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Tristan da Cunha ist eine Insel und eine recht kleine dazu. Sie liegt im Südatlantik, wurde vor knapp 500 Jahren entdeckt und nur einmal im Jahr wird sie von einem Postschiff angefahren. 300 Tage im Jahr ist dort das Wetter einfach schlecht. Trotzdem hat es der österreichische Autor Raoul Schrott geschafft, einen voluminösen und noch dazu spannenden Roman von über 700 Seiten über diesen verlorenen Flecken zu schreiben. Tristan da Cunha ist nämlich für Schrott nicht nur eine Insel, weit ab von allem anderen, sondern auch ein Ort der Sehnsucht, ein Fluchtpunkt vor dem Rest der Welt. Sein Hang zu abgelegenen Orten zeigte sich schon in seinem ersten Roman Finis Terrae oder in seiner Erzählung Die Wüste Lop Nor. Die Bewohner der Insel sind eigentlich Engländer, doch durch ihre Abgeschlossenheit mussten sie ein ganz eigenes soziales Beziehungssystem entwickeln, lebten und leben gewissermaßen einen utopischen Gesellschaftsentwurf mit allen Brüchen und Widersprüchen in der Praxis. Für einen Schriftsteller wie Schrott ist so etwas natürlich ein ideales Versuchslaboratorium, um nicht nur die Geschichte der Insel und deren Bewohner, sondern eigentlich die Geschichte der Menschen, ihrer Träume und Sehnsüchte der letzten 500 Jahre zu erzählen. Den Rahmen bildet die Geschichte von Noomi Morholt, einer Polarforscherin, die in ihrer einsamen Station im Eis eine Kiste öffnet, die verschiedene Dokumente und Bücher über Tristan da Cunha enthält. Darin finden sich die Aufzeichnungen des Funkers und Kartografen Christian Reval, die Forschungsberichte des Briefmarkenhändlers Mark Thomson und schließlich Briefe, die der anglikanische Priester Edwin Heron Dodgson, der auf Tristan da Cunha lebte, an seinen Bruder Lewis Carroll geschrieben hat. Schrott verflechtet und verknüpft nun überaus kunstvoll und geschickt diese vier gegensätzlichen Lebensläufe und schafft es dadurch die nötige Plastizität für sein ausuferndes Panorama zu erreichen. Viel hat Raoul Schrott in seinen Roman gepackt und man versteht, dass die Recherche zu seinem Buch lange gedauert hat und sehr intensiv war. Man erfährt etwas über Nautik, das Nordlicht, Kirchengeschichte, die viktorianische Zeit, Postwesen, Funk, Philatelie, Vulkanologie, Botanik, Geophysik oder die Geschichte der Antarktis, um nur einige der Themen zu erwähnen. Ein Roman für den man sich Zeit nehmen muss, aber das gerne tut. --Tobias Hierl
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 10 Bewertungen)
Ein ganz besonderes Buch 5 von 5 Punkten Ein ganz besonderes Buch mit ungewöhnlichem Aufbau: Mehrere Erzählebenen, die chronologisch in unterschiedliche Richtungen verlaufen. Örtlich und zeitlich treffen sie nie genau aufeinander, aber immer berühren sie sich. Hört sich kompliziert an? Vielleicht, aber man kann einfach so drauflos lesen. Die verschiedenen Erzählebenen erzeugen einen intensiven Spannungsbogen, zunehmende Neugier und das Bedürfnis die Zusammenhänge zu verstehen und zu ordnen. Tristan da Cunha - eine Insel weit draußen mitten im Südatlantik, "der Nabel der Welt" (?). Auf dieser Insel laufen alle Erzählungen zusammen. Eine Insel mit einzigartiger Natur, Zufluchtsstätte und gleichzeitig ein trostloser Ort, den man fliehen möchte - vor allem aber isoliert von der übrigen Welt; kaum eine Stelle dieser Erde ist so abgelegen und auch heute noch so schwer erreichbar. Wie eine Metapher erhebt sich dieser gleichmäßige Kegel, wolkenverhangen, aus den Fluten des unendlichen Ozeans. So handelt auch dieses Buch von Isolation und Alleinsein. Isolation einer (archaisch) kleinen Gruppe von Menschen auf beschränktem Raum, aufeinander angewiesen und fast autark. Und ganz persönliches Alleinsein, auf der Suche nach Erlösung und voller Sehnsucht und Begierde nach Marah. Eine Marah erscheint ganz merkwürdig in jeder Erzählebene, immer eine andere, und doch ähneln sich die Konstellationen. Kann die Sehnsucht nach ihr die Isolierung aufbrechen oder bleibt die Liebe zu ihr unerfüllt, tragisch und selbstzerstörerisch? Die Antwort muss man schon selber erlesen; dann erfährt man auch ihre eigene Betroffenheit, denn die Rahmenhandlung wird von Noomi (=Marah) selbst erzählt. Wie der Aufbau ist auch der Inhalt äußerst komplex und vielschichtig. Spielerisch streift der Autor durch unglaublich viele Wissensgebiete (Geographie; Geologie; Botanik; Meereskunde; Selbstversorgungstechniken; Metereologie; Funktechnik; Schiffbau; Philatelie; Geschichte; Lingistik; klassische, germanische und jüdisch-christliche Mythologie; ...). Um alles zu verstehen, muss man schon mal nachschlagen. Ich habe es mit viel Freude getan. Der Autor schreibt sich selbst mit in die Geschichte ein. Als Rui, sein alter ego, sagt er über die Insel: "Eine Insel als regressus ad uterum, die Suche nach den Ursprüngen der Welt und des eigenen Ichs, um darin Heil zu finden - das vorsintflutlichste Prinzip des Schreibens, das es gibt." Und über seinen Anspruch als Schriftsteller: "Literatur liegt für mich im Versuch, für archetypische Situationen und Emotionen die eine und allumfassende Formulierung zu finden, die rechten Worte und die richtigen Sätze - darin besteht ihre Formelhaftigkeit, schon seit Homers epischer Zeit." Dem Autor ist es mit diesem Buch weitgehend gelungen, diese Ansprüche zu erfüllen. Er hat ein wunderschönes episches Werk geschaffen; keinen einfachen Abenteuerroman, aber voller kleiner Abenteuer. Immer, wenn ich das Buch - ungern - aus der Hand legte, blieben noch lange ganz intensive Bilder in mir haften. Der Autor hat eine ganz außergewöhnliche Fähigkeit, eindrucksvolle (Natur-)bilder hervorzurufen und diese den Grundfragen des Menschseins zuzuordnen. Und jetzt, wo ich das Buch seit 14 Tagen ausgelesen habe, taucht immer noch und immer wieder diese nebelverhangene Insel mitten im Ozean in mir auf, ich höre den Sturm die Wellen an den Strand werfen und fühle mich den Schicksalen ihrer Bewohner durch die Jahrhunderte verbunden. Eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe. Ich werde wohl noch einmal den Anfang lesen müssen, der ja zugleich der/ein Schluss ist oder ich stürze mich gleich auf andere Bücher des Autors - in der Gewissheit, dass er dieses nicht wird übertreffen können... oder vielleicht mache ich mich zunächst auf die Suche nach Marah...
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Consummatus Sibylle Lewitscharoff Gebundene Ausgabe, Februar 2006 Verkaufsrang: 91500 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Stuttgart, April 2004. Ralph Zimmermann sitzt im Café Rösler, leert zu viele Gläser Wodka, während Stationen seines Lebens Revue passieren - Tod der Eltern, Kindheit, vor allem die fatale Liebe zu einer Underground-Sängerin, mit der er bis zu ihrem Tod einige Monate lang durch Europa kreuzte. Die Sehnsucht hatte den Mann ins Jenseits geführt. Mit der Pflicht, Bericht zu erstatten, wurde er von dort zurückgeschickt. Seitdem sind die Toten um ihn, seitdem muß er daran herumrätseln, was sich im Jenseits gezeigt hat: kluge Tiere, zaghafte Tote, die eine Schleuse meiden, hinter der man Jesus lachen hört. Selbst im Café halten sich die Toten in seiner Nähe auf. Andy Warhol, Jim Morrison und Edie Sedgwick sind mit von der Partie, die Eltern auch und natürlich seine Geliebte. Stunden später macht sich Zimmermann auf den Weg und gerät in ein Unwetter. Schnee hüllt ganz Stuttgart ein. In den Flocken treiben die Toten ihr zartestes Annäherungsspiel.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 3 Bewertungen)
sehr komisch 5 von 5 Punkten Lewitscharoff ist eine tolle Autorin und die Idee ihres neuen Buches ausgesprochen originell und witzig. Das Jenseits taucht in dieser Welt auf - klingt beunruhigend, ist aber in diesem Buch sehr komisch dargestellt. Ich hatte es mir gekauft, weil ich ein großer Jim Morrison-Fan bin, aber ich habe dann festgestellt, daß ich noch mehr bekommen habe, als ich erwartet hatte, ich kam auf meine Kosten. Und jetzt verrate ich nicht mehr. Leseempfehlung!
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Ich und Kaminski Daniel Kehlmann Gebundene Ausgabe, Februar 2003 Verkaufsrang: 220878 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Daniel Kehlmann schrieb einmal: Aus irgendeinem Grund hören viele Menschen einen Text lieber, als ihn selbst zu lesen, und sie hören ihn lieber dargeboten von einem stotternden und hustenden Vorlese-Dilettanten, der sein Verfasser ist, als von einem Profi. Und dann machte er sich daran, selbst als Vorleser seines Romans Ich und Kaminski auf drei CDs zu dilettieren und so seine eigene Aussage zu bestätigen. Gehustet und gestottert wird zwar nicht, aber Kehlmanns Vortrag ist doch dazu angetan, sich ein allgemeines Verbot von Autorenlesungen zu wünschen. Umso mehr, wenn man vergleicht, wie genial und berauschend, Kehlmanns Bestseller Die Vermessung der Welt vom Schauspieler Ulrich Matthes interpretiert wurde. Der Schuss geht leider gleich doppelt nach hinten los. Durch den eher unangenehmen und laienhaften Vortragsstil des Autors treten die literarischen Schwächen des Romans noch deutlicher hervor. Und eigentlich muss man sich wundern, dass Kehlmann sich mit seinem nächsten Roman, dem gefeierter Bestseller Die Vermessung der Welt, so steigern konnte. Auf dem Cover wird der Autor zitiert: Mit Ich und Kaminski habe ich mir die Komik als Stilmittel erarbeitet. Wenn das stimmen sollte, dann merkt man es dem Roman leider nicht an. Am schlimmsten aber ist, dass der Autor seinen Text mit einem Tonfall liest, als wäre er schreiend komisch. Also Finger und Ohren weg. Wer ein Hörbuch von Daniel Kehlmann haben möchte, sollte unbedingt zu Die Vermessung der Welt greifen. --Christian Stahl Spieldauer: ca. 215 Minuten, 3 CDs, Autorenlesung
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 37 Bewertungen)
Mein Favorit 5 von 5 Punkten Habe alle Kehlmanns gelesen und bin von fast allen begeistert, aber dieser hat mich sicher am lautesten zum Lachen gebracht. Feinste Ironie trifft auf Slapstick.
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Der Sadhu an der Teufelswand Ilija Trojanow Taschenbuch, 2001 Verkaufsrang: 243741 Mit diesem Buch reist der Leser durch ein Indien jenseits der üblichen Klischees, Vorstellungen und Abbildungen. Die einzelnen Kapitel widmen sich so unterschiedlichen Themen wie der Tradition (Kamelmarkt von Pushkar), dem Umweltschutz (Bishnoi in der Wüste Rajasthans), den Festen (Drachenluftkampf), den Massenbewegungen (Protest gegen Großstaudämme), dem Sport (Kricket), der Wirtschaft (die neue Mittelklasse), der Literatur, der Musik, der Gesundheit (Ayurveda), der Technologie (Techno-Kulis oder Softwarevisionäre) oder dem Kulturhybriden (MTV-India). Sie zeichnen über die Vielfalt an Themen und Perspektiven ein genaueres und zugleich unterhaltenderes Porträt von der Vielfalt Indiens als der übliche Blick in den Slum von Kalkutta. Die einzelnen Reportagen, im Erstabdruck bei der Frankfurter Rundschau, der Süddeutschen Zeitung, dem Rheinischen Merkur und Bayerischen Rundfunk erschienen, werden literarisch verfeinert und ausgeweitet und miteinander verschränkt.Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren. Nach der Flucht mit der Familie über Jugoslawien nach Italien erhielt er politisches Asyl in Deutschland. Er lebte zehn Jahre in Kenia und gründete 1989 den Kyrill & Method Verlag und 1992 den Marino Verlag in München. 1996 erhielt er den Literaturpreis der Stadt Marburg. 1999 lebt Trojanow in Bombay, Indien. Veröffentlichungen: "In Afrika", 1993. "Naturwunder Ostafrika", 1994. "Hüter der Sonne", 1996. Die Romane: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall", 1996. "Autopol", 1997. Der Bulgarien-Essay "Hundezeiten", 1999.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 5.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 4 Bewertungen)
Die angenehme Reisevorbereitung 5 von 5 Punkten Vor jeder Reise quäle ich mich durch teilweise sehr trockene Reiseführer. Oft denke ich anschließend, dass ich das wichtigste zu meinem Land verinnerlicht habe um dann dort festzustellen, dass es nicht so ist. Dann geht das Gesuche im Reiseführer vor Ort wieder los.
Nicht so mit Ilija Trojanows Erlebnissen. Auf erzählerische Weise prägt sich das Gelesene so ein, dass man über Artikel in einem Reiseführer nur noch lächelt und teilweise denkt "kenne ich doch alles schon".
Die Reportagen aus einem andern Indien sind somit einfach schon eine kleine Reise für sich und für alle, die sich die Reiseplanung erleichtern oder Indien nur aus der Ferne erleben wollen.
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Deutschbuch Maxim Biller Taschenbuch, Juni 2001 Verkaufsrang: 164070 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Schweigen über Deutschland? »Ja, bitte!« möchte man rufen, wenn man an rechte Schläger und linke Holocaust-Anbeter, an Harald Schmidts Schwulenwitze, an Ulrike Meinhofs stetig wachsende Popularität oder bloß an die alltägliche Rempelei in der U-Bahn und die sonstige notorische Unhöflichkeit in unserem Land denkt. Deutschland ist nicht nur für seine Nachbarn, sondern auch für viele seiner eigenen Bürger eine einzige Peinlichkeit ...
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 3 Bewertungen)
Wahrheitsgift 5 von 5 Punkten Damit das klar ist: Dieser Essay- und Kolumnenband ist eine Zumutung. Er ist ungerecht, einseitig, suggestiv. Es wimmelt in ihm von groben Verallgemeinerungen, pauschalen Urteilen und fragwürdigen Schlussfolgerungen. In tausenden Details möchte man Maxim Biller widersprechen, um ihm dann am Ende doch beizupflichten: "So sind sie, die Deutschen!"Und 100-Zeilen-Hass-Biller muss es wissen. Als glücklicher Zehnjähriger verließ er Prag - und stellt sich seitdem die Frage, warum er in Deutschland nicht glücklich werden kann. Die Antworten darauf verraten eine Menge über Biller - seine Sehnsucht nach Tiefe, Wärme und, ja, Leidenschaft -, noch mehr aber verraten sie über das Objekt seiner Beobachtungen, die Deutschen. Sie erscheinen als geschichtsvergessenes, seltsam selbstverliebtes Volk, das vor lauter Angst vorm Leben daran vorbeilebt. Dass dies sonst keiner ausspricht, die Popliteraten schon gar nicht, ist Grund genug, das DEUTSCHBUCH zu lieben. Viel Wahrheitsgift für wenig Geld.
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Liebesmale, scharlachrot Feridun Zaimoglu Taschenbuch, Juni 2002 Verkaufsrang: 223738 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden "Bin ich die kalte Kippe oder der Prinz aus dem Morgenland?", fragt sich Serdar. Er sitzt am wunderschönen Strand der türkischen Ägais und kriegt keinen hoch. Er überlegt, wie es mit dem Leben weitergehen soll. Zuhause hatte er seine Beziehungen und Flirts nicht mehr unter Kontrolle. Und nun schreibt er, der "Almanci", der "Deutschländer" in der Türkei, Briefe an seinen Kumpel Hakan in Kiel, an seine Ex-Freundin Anke und die Geliebte Dina. Während einer...
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 3 Bewertungen)
Die Leiden des jungen Serdar und seines Kumpels Hakan 4 von 5 Punkten Das Buch ist herrlich! Ich mag Briefromane. Die haben so etwas Erfrischendes. Durch die verschiedenen Personen (Serdar, Hakan und diverse Frauen), die alle einen eigenen Schreibstil an den Tag legen, wird das Buch nie langweilig. Ganz zu schweigen vom Thema. Klar, die Sprache ist kräftig und teils derb. Aber immer zum jeweiligen Charakter passend. Serdar zum Beispiel schreibt seine Briefe eher philosophisch angehaucht. Beim Lesen des Romans mußte ich ständig schmunzeln. Vieles ist wahr und wird ironisch aufs Korn genommen. Goethes "Die Leiden des jungen Werther" hatten mich fasziniert. Und beim Lesen von "Liebesmale, scharlachrot" fühlte ich mich irgendwie daran erinnert. Natürlich mit zeitgemäßem Schreibstil. "Die neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf waren ja auch lockerer geschrieben und dennoch genial. Und Zaimoglu legt mit seinem Werk noch eins drauf. Sicher ist es Geschmackssache. Spießer und verklemmte Zeitgenossen werden an dem Buch keine Freude haben.
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Eros Helmut Krausser Gebundene Ausgabe, September 2006 Verkaufsrang: 208331 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Alexander von Brücken ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Nach dem Zweiten Weltkrieg wachsen seine Werke, die schon unter seinem Vater -- und unter Adolf Hitler -- florierten, zu alter Größe. Die Expansion zur Zeit des Wirtschaftswunders macht von Brücken Spaß. Aber seine eigentliche Leidenschaft gilt etwas anderem: einer Frau, die er kaum kannte. Sofie ist ihr Name, die Tochter eines Arbeiters und einer Arbeiterin, die früher bei seinem nationalsozialistisch gesinnten Vater beschäftigt waren. Von Sofie bekam Alexander als Heranwachsender seinen ersten Kuss, leidenschaftlich, anscheinend, jedenfalls wie von einer Erwachsenen, für 50 Mark. Mit dem Kuss wollte Sofie ihre armen Eltern unterstützen. Für von Brücken ist er der Beginn einer lebenslangen Obsession. Nach dem Krieg macht von Brücken Sofie, die er nach einer Landverschickung aus den Augen verloren hatte, ausfindig. Er holt sie mit einem Privatjet zu einem (missglückten) Tete-a-tete in seine Wohnung. Er schickt ihr Aufpasser und Detektive nach Wuppertal und Berlin, die ihr Leben beobachten (und sanft lenken) sollen. Am Ende seines eigenen Lebens holt er sich einen Autor ins Haus, der diese ebenso banale wie tragische, da keusche Amour fou in Worte kleiden soll. Es ist der Ich-Erzähler von Helmut Kraussers Roman Eros, ein ebenso flott wie brillant beschriebenes Buch über eine Liebe, die es nicht gab -- und die man nur zu verstehen glaubt, weil sie in die blendenden, dabei niemals pathetischen Worte eines Schriftstellers gekleidet wird: eines Schriftstellers zudem, der es gekonnt versteht, durch sein Spiel mit mehreren Erzählebenen ironische Distanz zu erzielen. Seit 1997 hat Krausser nach eigener Aussage an dem Stoff gearbeitet, die siebzehnte und letzte Fassung 2005 zum Druck gebracht. Die Arbeit hat sich auf jeden Fall gelohnt. --Thomas Köster
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 13 Bewertungen)
Sehr komplexes Werk ... 5 von 5 Punkten Genial verwobene Erzählebenen, hemmungslose Übertreibungen in der Zeichnung der Charaktere, Übersteigerung der Details bis zur Ärgerlichkeit ... all das verdichtet Krausser zu einem unglaublich gut geschriebenen Zeitroman.
Am Ende setzt er eine für den Leser enttäuschende Wendung und nicht einmal das kann man ihm verübeln ...
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Die entführte Prinzessin: Von Drachen, Liebe und anderen Ungeheuern Karen Duve Gebundene Ausgabe, Februar 2005 Verkaufsrang: 204265 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Es war einmal, zu unbekannten Zeiten, ein Reich mit einem unaussprechlichen Namen, das jeder wegen seiner geografischen Lage nur Nordland nannte. Nördlicher als die Nordländer lebte niemand auf der Welt, außer Eisbären und Robben natürlich, und einen Herrscher gab es auch im kalten Land, der hieß Rothafur und hatte eine etwas widerspenstige Gemahlin, einen Thronfolger und eine Tochter, die es zu verheiraten galt. Normalerweise geben Märchen, die so beginnen, gerade einmal Stoff für 20 Seiten. Karen Duve hat mit ihrem Buch Die entführte Prinzessin einen ganzen Schmöker daraus gemacht, der 20 mal 20 Seiten misst -- und ein kleines narratives Wunder ist. Denn als plötzlich ein schwarz gekleideter Anwärter im Königreich erscheint, dessen unlautere Absichten ruchbar werden und der die Prinzessin gegen ihren Willen mit sich führt, nur um seine Mutter zu ärgern, entspannt sich plötzlich ein allzumenschlicher Reigen aus Machtgelüsten, Hass, Rache -- und auch Liebe! --, der über jede der blendend geschriebenen Seiten die Spannung trägt. Nach ihren Bestsellern Regenroman und Dies ist kein Liebeslied nun also der dritte Roman von Karen Duve, der so sehr seinen Vorgängern ähnelt und doch ganz anders ist. Wegen ersterem hat auch Die entführte Prinzessin das Zeug dazu, erneut die Verkaufs-Hitlisten zu stürmen; wegen letzterem werden nicht nur echte Duve-Fans neue Seiten an ihrer Autorin entdecken, sondern auch neue Leser, die bisher mit der Autorin weniger anzufangen wussten, gewonnen werden können. Karen Duve ist Gott, hat der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf angeblich einmal gesagt. Und wenn das auch nicht stimmt, so kann sie doch märchenhaft erzählen. --Isa Gerck
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 27 Bewertungen)
Empfehlenswert! 5 von 5 Punkten Das Buch ist soo schön! Romantisch, spannend und lustig, die perfekte Mischung! Es gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern und ich habe es auch schon mehrmals gelesen-absolut empfehlenswert!
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German Amok Feridun Zaimoglu Broschiert, Oktober 2004 Verkaufsrang: 290075 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Es sei "Zeit für infernalische Dekadenzen", meint Feridun Zaimoglu. So lautet jedenfalls das Motto, das der selbst ernannte Einpeitscher der Abteilung Kanak-Attack seinem neuen Roman German Amok voranstellt. Wer Zaimoglus bisherige Bücher kennt, darf saftige Sentenzen und sperrige Sprachbilder erwarten -- und wird auch nicht enttäuscht. Oder doch? Held des Romans ist ein namenloser, offenbar deutsch-türkischer Künstler, der in eine seltsame Beziehung verstrickt ist, die teils geschäftlicher, überwiegend aber geschlechtlicher Natur ist -- mit einer Dame, die uns gleich im ersten Satz als "Kunstfotze" vorgestellt wird, und offenbar der Mittelpunkt einer der zahlreichen Berliner Kunst-Subkulturen ist. Eine Beschäftigung als Bühnenbildner im Rahmen eines etwas surrealen Theater-Workshops in der ostdeutschen Provinz bringt jede Menge Abwechslung in das Geschlechtsleben des Erzählers, leider aber nicht in die Handlung des Romans, für den sich als Motto auch "Brot und Fickspiele" geeignet hätte. "Ich bin das Männchen, das sie benutzen, sie sind die Weibchen, die ich benutze." Dass Kunst viel mit sich Prostituieren zu tun hat, wird dem einen oder anderen Leser auch vor der Lektüre dieses Romans schon geläufig gewesen sein. Und dass ganz harte Burschen auch mal zarte Gefühle für soziale Randexistenzen entwickeln, mag ja sein. Aber muss man deshalb 255 Seiten lang mit dem Holzhammer erzählen? Von der "Ostbrut", die "eine Altarkerze nicht von einem Kunstharzdildo unterscheiden" kann, von "Drogenethnos", "Fotzenhändlern" und sonstigem "Dreck"? "Die Natur lohnt nicht, festgehalten zu werden", sagt der Erzähler, "sie ist nicht mehr als der Boden, der die Exkremente aufnimmt, die Nährstoffe vom endgültigen Unrat scheidet, und das verwertbare Material allen Geschöpfen bereitstellt, die davon kosten wollen." "This is hardcore" scheint Zaimoglu seinem Leser mit jeder Seite einbimsen zu wollen -- und gleichzeitig aber auch: Vorsicht, Leute, es ist Literatur! Was der deutsch-türkische Autor in seinem neuesten Roman macht, erinnert ein bisschen an die amerikanische Hardcore-Band Rage against the Machine. Wahnsinnig provokativ und rau -- und dabei garantiert mittelklassenkompatibel. Ein bisschen Brachial-Sound, ein wenig "F*** you, I won't do what you tell me!", und mehr oder weniger subtile politische (Sub-)Texte. Aber wie Rage schafft es auch Zaimoglu, seine Leser/Zuhörer hin und wieder mit ansatzlos eingestreuten lyrischen Elementen zu überraschen. Verbaler Freejazz, gekonnt phrasiert, bis dann wieder das übliche Brett kommt. "Wenn ein Mann sie anspricht, taucht sie aus ihrer Vertiefung auf, in die einzudringen sie immer imstande ist, und wehrt das Gefühl ab, es versuche der Fremde sie in eine Situation, ein Lebensbild, einzupassen." Unüberhörbar in all der Kolportagehaftigkeit, die den Roman leider auszeichnet, ist, Drastik hin oder her, der Wille zum hohen Ton -- und zur Kulturkritik: "Was, wenn der Menschendreck nur der natürliche Auswurf der auf ästhetische Standards kapitalisierten Gegenden wäre? Dann würde man den Wildwuchs hinnehmen nicht als Fehler des Systems, aber als Folge schöner Maßnahmen. Ohne Heroin und lockere Sitten kein Pop." Der Autor ist als Polemiker überaus begabt, als Apokalyptiker ganz manierlich, als Pornograf zu gewollt -- und als Romancier diesmal leider eine Enttäuschung. "Postmillenniumsscheiße" würde der Erzähler sagen: dem wir auch die Erkenntnis verdanken, dass man sich "als Kultursöldner keinen Charakter leisten kann." --Axel Henrici
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 2.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 5 Bewertungen)
Starker Anfang, Sarkasmus pur 4 von 5 Punkten Ich habe sehr, sehr oft herzlich gelacht, als ich die ersten 100 Seiten las. Zaimoglu ist ein guter Beobachter und äußert sich sarkastischst über die Berliner Kunstszene, das Leben und den täglich Wahnsinn. Zur Schmähung von allem, was wer hasst, kreiert er Wortungetüme, die mir die Tränen in die Augen trieben vor lachen. Leider flacht das Buch nach hinten ab und hat auch keine wirklich runde Handlung, die stimmig endig.
Wenn man Bukowski, Easton-Ellis, Beigbeder oder Joachmim Lottmann mag und kein Happy End braucht, dann zugreifen. Wer mit negativer Energie in Schriftform nichts anfangen kann, dann Finger weg.
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Montgomery Sibylle Lewitscharoff Taschenbuch, Mai 2005 Verkaufsrang: 287414 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Ein schwäbischer Halbitaliener, der in Rom seine Heimatstadt Stuttgart nachbaut. Möglich macht das Montgomery Cassini-Stahl sein Beruf: Als Filmproduzent dreht er in den legendären Cinecittà-Studios einen Spielfilm über das Leben des Joseph Süß Oppenheimer -- mächtiger Berater des württembergischen Herzogs im 18. Jahrhundert, verewigt als Jud Süß im Roman Lion Feuchtwangers und geschmäht durch einen der übelsten Propagandafilme der Nationalsozialisten. Auch wenn beide Städte für ihre Hügel berühmt sind, prallen mit Rom und Stuttgart doch Welten aufeinander: hier die katholisch-südländische Lebensfreude, dort die protestantisch-schwäbische Korrektheit. Beides verschmolzen in einem Helden, den man nur allzu gerne für acht Tage und 300 Seiten durch sein Produzentendasein begleitet. Und das ist alles andere als unkompliziert: Mit dem aufwändigen Historienfilm scheint er sich nicht nur finanziell übernommen zu haben. Auch der geniale, aber schwierige Hauptdarsteller zerrt an seinen Nerven, da er sich ständig mit dem Regisseur in den Haaren liegt oder auch schon mal tagelang in den römischen Bars verloren geht. Um den Seelenfrieden des an sich unruhigen Geistes Cassini-Stahl ist es hoffnungslos geschehen, als er auch noch der Attraktivität einer jungen Holländerin erliegt. Zu erliegen droht auch der Leser -- und zwar den Reizen von Sibylle Lewitscharoffs Prosa, die wunderbar Balance hält zwischen Lesbarkeit und literarischem Anspruch. Auch ist die Überraschung groß über die Wandlungsfähigkeit der aus Stuttgart stammenden Autorin: Waren Pong, für den sie den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, und das märchenhafte Der höfliche Harald zwar bezaubernde, aber doch ins literarisch-künstliche entrückte Geschichten, besticht Montgomery gerade durch die Welthaltigkeit und Liebe zum Detail, mit der hier Rom und das Leben der Hauptfigur porträtiert werden. Als einziger Einwand blinkt während der Lektüre die Frage auf, ob es dieser Rahmenhandlung -- erzählt wird die ganze Geschichte von einem ehemaligen Mitschüler des Filmproduzenten -- bedurft hat. Aber mit dem Schlusskapitel, in dem sich sogar das Rätsel um den frühen Tod von Montgomerys Bruder aufzulösen scheint, ist auch dieser marginale Zweifel dahin. Was bleibt, ist die Freude über einen vielschichtigen, eleganten und zudem unterhaltsamen Roman, dem man viele Leser wünscht. --Christian Stahl
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 4 Bewertungen)
Jud Süß in Neuverfilmung 3 von 5 Punkten Die Autorin Sibylle Lewitscharoff hat mit Ihrem Roman „Montgomery" ein Thema angeschnitten, welches selbst heute immer noch zu weit ausladenden Diskussionen über die filmschaffende Szene, im 3. Reich führt. Doch dieses Thema ist letztendlich nur eine Randerscheinung, ein Gerippe, um das sich das eigentlich Buchthema legt, daß Schicksal des Filmproduzenten Montgomery Cassini - Stahl. Die bedrückende Kindheit im Schatten seines kranken und doch übermächtigen Bruders und der Tod desselben, welcher ihm letztendlich angelastet wird. Die Flucht nach Italien zum Onkel, sein Aufstieg zu einem mächtigen Filmproduzenten und wie ihn seine Vergangenheit in Form eines ehemaligen Schulkollegen wieder einholt. Manchesmal sind einige Passagen zwar bedrückend doch das Leben selbst hält schließlich auch nicht immer nur Sonnenschein für einen selbst vor. Man gleitet leicht durch das Leben der Hauptperson und am Ende ist es fast so, als hätten man einen guten Freund oder ein Familienmitglied verloren.Eine ausführliche Besprechung des Buches finden Sie unter Literaturtipp, einer Domain gleichen Namens.
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German Amok Feridun Zaimoglu Broschiert, Oktober 2004 Verkaufsrang: 290075 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Es sei "Zeit für infernalische Dekadenzen", meint Feridun Zaimoglu. So lautet jedenfalls das Motto, das der selbst ernannte Einpeitscher der Abteilung Kanak-Attack seinem neuen Roman German Amok voranstellt. Wer Zaimoglus bisherige Bücher kennt, darf saftige Sentenzen und sperrige Sprachbilder erwarten -- und wird auch nicht enttäuscht. Oder doch? Held des Romans ist ein namenloser, offenbar deutsch-türkischer Künstler, der in eine seltsame Beziehung verstrickt ist, die teils geschäftlicher, überwiegend aber geschlechtlicher Natur ist -- mit einer Dame, die uns gleich im ersten Satz als "Kunstfotze" vorgestellt wird, und offenbar der Mittelpunkt einer der zahlreichen Berliner Kunst-Subkulturen ist. Eine Beschäftigung als Bühnenbildner im Rahmen eines etwas surrealen Theater-Workshops in der ostdeutschen Provinz bringt jede Menge Abwechslung in das Geschlechtsleben des Erzählers, leider aber nicht in die Handlung des Romans, für den sich als Motto auch "Brot und Fickspiele" geeignet hätte. "Ich bin das Männchen, das sie benutzen, sie sind die Weibchen, die ich benutze." Dass Kunst viel mit sich Prostituieren zu tun hat, wird dem einen oder anderen Leser auch vor der Lektüre dieses Romans schon geläufig gewesen sein. Und dass ganz harte Burschen auch mal zarte Gefühle für soziale Randexistenzen entwickeln, mag ja sein. Aber muss man deshalb 255 Seiten lang mit dem Holzhammer erzählen? Von der "Ostbrut", die "eine Altarkerze nicht von einem Kunstharzdildo unterscheiden" kann, von "Drogenethnos", "Fotzenhändlern" und sonstigem "Dreck"? "Die Natur lohnt nicht, festgehalten zu werden", sagt der Erzähler, "sie ist nicht mehr als der Boden, der die Exkremente aufnimmt, die Nährstoffe vom endgültigen Unrat scheidet, und das verwertbare Material allen Geschöpfen bereitstellt, die davon kosten wollen." "This is hardcore" scheint Zaimoglu seinem Leser mit jeder Seite einbimsen zu wollen -- und gleichzeitig aber auch: Vorsicht, Leute, es ist Literatur! Was der deutsch-türkische Autor in seinem neuesten Roman macht, erinnert ein bisschen an die amerikanische Hardcore-Band Rage against the Machine. Wahnsinnig provokativ und rau -- und dabei garantiert mittelklassenkompatibel. Ein bisschen Brachial-Sound, ein wenig "F*** you, I won't do what you tell me!", und mehr oder weniger subtile politische (Sub-)Texte. Aber wie Rage schafft es auch Zaimoglu, seine Leser/Zuhörer hin und wieder mit ansatzlos eingestreuten lyrischen Elementen zu überraschen. Verbaler Freejazz, gekonnt phrasiert, bis dann wieder das übliche Brett kommt. "Wenn ein Mann sie anspricht, taucht sie aus ihrer Vertiefung auf, in die einzudringen sie immer imstande ist, und wehrt das Gefühl ab, es versuche der Fremde sie in eine Situation, ein Lebensbild, einzupassen." Unüberhörbar in all der Kolportagehaftigkeit, die den Roman leider auszeichnet, ist, Drastik hin oder her, der Wille zum hohen Ton -- und zur Kulturkritik: "Was, wenn der Menschendreck nur der natürliche Auswurf der auf ästhetische Standards kapitalisierten Gegenden wäre? Dann würde man den Wildwuchs hinnehmen nicht als Fehler des Systems, aber als Folge schöner Maßnahmen. Ohne Heroin und lockere Sitten kein Pop." Der Autor ist als Polemiker überaus begabt, als Apokalyptiker ganz manierlich, als Pornograf zu gewollt -- und als Romancier diesmal leider eine Enttäuschung. "Postmillenniumsscheiße" würde der Erzähler sagen: dem wir auch die Erkenntnis verdanken, dass man sich "als Kultursöldner keinen Charakter leisten kann." --Axel Henrici
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 2.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 5 Bewertungen)
Starker Anfang, Sarkasmus pur 4 von 5 Punkten Ich habe sehr, sehr oft herzlich gelacht, als ich die ersten 100 Seiten las. Zaimoglu ist ein guter Beobachter und äußert sich sarkastischst über die Berliner Kunstszene, das Leben und den täglich Wahnsinn. Zur Schmähung von allem, was wer hasst, kreiert er Wortungetüme, die mir die Tränen in die Augen trieben vor lachen. Leider flacht das Buch nach hinten ab und hat auch keine wirklich runde Handlung, die stimmig endig.
Wenn man Bukowski, Easton-Ellis, Beigbeder oder Joachmim Lottmann mag und kein Happy End braucht, dann zugreifen. Wer mit negativer Energie in Schriftform nichts anfangen kann, dann Finger weg.
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Montgomery Sibylle Lewitscharoff Taschenbuch, Mai 2005 Verkaufsrang: 287414 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Ein schwäbischer Halbitaliener, der in Rom seine Heimatstadt Stuttgart nachbaut. Möglich macht das Montgomery Cassini-Stahl sein Beruf: Als Filmproduzent dreht er in den legendären Cinecittà-Studios einen Spielfilm über das Leben des Joseph Süß Oppenheimer -- mächtiger Berater des württembergischen Herzogs im 18. Jahrhundert, verewigt als Jud Süß im Roman Lion Feuchtwangers und geschmäht durch einen der übelsten Propagandafilme der Nationalsozialisten. Auch wenn beide Städte für ihre Hügel berühmt sind, prallen mit Rom und Stuttgart doch Welten aufeinander: hier die katholisch-südländische Lebensfreude, dort die protestantisch-schwäbische Korrektheit. Beides verschmolzen in einem Helden, den man nur allzu gerne für acht Tage und 300 Seiten durch sein Produzentendasein begleitet. Und das ist alles andere als unkompliziert: Mit dem aufwändigen Historienfilm scheint er sich nicht nur finanziell übernommen zu haben. Auch der geniale, aber schwierige Hauptdarsteller zerrt an seinen Nerven, da er sich ständig mit dem Regisseur in den Haaren liegt oder auch schon mal tagelang in den römischen Bars verloren geht. Um den Seelenfrieden des an sich unruhigen Geistes Cassini-Stahl ist es hoffnungslos geschehen, als er auch noch der Attraktivität einer jungen Holländerin erliegt. Zu erliegen droht auch der Leser -- und zwar den Reizen von Sibylle Lewitscharoffs Prosa, die wunderbar Balance hält zwischen Lesbarkeit und literarischem Anspruch. Auch ist die Überraschung groß über die Wandlungsfähigkeit der aus Stuttgart stammenden Autorin: Waren Pong, für den sie den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, und das märchenhafte Der höfliche Harald zwar bezaubernde, aber doch ins literarisch-künstliche entrückte Geschichten, besticht Montgomery gerade durch die Welthaltigkeit und Liebe zum Detail, mit der hier Rom und das Leben der Hauptfigur porträtiert werden. Als einziger Einwand blinkt während der Lektüre die Frage auf, ob es dieser Rahmenhandlung -- erzählt wird die ganze Geschichte von einem ehemaligen Mitschüler des Filmproduzenten -- bedurft hat. Aber mit dem Schlusskapitel, in dem sich sogar das Rätsel um den frühen Tod von Montgomerys Bruder aufzulösen scheint, ist auch dieser marginale Zweifel dahin. Was bleibt, ist die Freude über einen vielschichtigen, eleganten und zudem unterhaltsamen Roman, dem man viele Leser wünscht. --Christian Stahl
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 4 Bewertungen)
Jud Süß in Neuverfilmung 3 von 5 Punkten Die Autorin Sibylle Lewitscharoff hat mit Ihrem Roman „Montgomery" ein Thema angeschnitten, welches selbst heute immer noch zu weit ausladenden Diskussionen über die filmschaffende Szene, im 3. Reich führt. Doch dieses Thema ist letztendlich nur eine Randerscheinung, ein Gerippe, um das sich das eigentlich Buchthema legt, daß Schicksal des Filmproduzenten Montgomery Cassini - Stahl. Die bedrückende Kindheit im Schatten seines kranken und doch übermächtigen Bruders und der Tod desselben, welcher ihm letztendlich angelastet wird. Die Flucht nach Italien zum Onkel, sein Aufstieg zu einem mächtigen Filmproduzenten und wie ihn seine Vergangenheit in Form eines ehemaligen Schulkollegen wieder einholt. Manchesmal sind einige Passagen zwar bedrückend doch das Leben selbst hält schließlich auch nicht immer nur Sonnenschein für einen selbst vor. Man gleitet leicht durch das Leben der Hauptperson und am Ende ist es fast so, als hätten man einen guten Freund oder ein Familienmitglied verloren.Eine ausführliche Besprechung des Buches finden Sie unter Literaturtipp, einer Domain gleichen Namens.
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Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus Wladimir Kaminer Gebundene Ausgabe, Februar 2006 Verkaufsrang: 47941 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Sie besitzen einen robusten Magen? Schlagartige Gewichtszunahme um mehrere Kilo nach Genuss der "Torte Birkenstamm" stellt für Sie kein größeres Problem dar? Kartoffeln, tonnenweise und in allen Variationen, zählen zu Ihren Leibspeisen? Ihre Leber steckt auch größere Fettmengen spielend weg? Für klebrige, ziegelsteinschwere Süßspeisen gäben Sie alles? Von Hochprozentigem ganz zu schweigen. Diesen kleinen Fragenkatalog sollten Sie sorgsam durcharbeiten, bevor Sie sich Wladimir Kaminer auf seinem neusten Trip anvertrauen. Gemeinsam mit seiner Frau Olga durchstreift das russische Wunderkind die kulinarischen Gefilde seiner früheren Heimat. Ein scharfes Vergnügen erwartet Sie! Ach ja, Rezepte gibts auch. Geschichtliche und geopolitische Kurzabrisse der früheren Sowjetrepubliken in gewohnt lakonischem Kaminer-Kammerton verstehen sich von selbst. Auch an die launigen Menschenbilder und Schnurren -- meistens spitzbübisch den kürzesten Weg zur Pointe erschnüffelnd -- hat man sich gewöhnt. Absolut gewöhnungsbedürftig sind jedoch die lokalen Spezialitäten aus Usbekistan, Sibirien und Co. Was jeden europäischen Sternekoch in den Suizid treiben dürfte, Fleisch wird gnadenlos graugekocht oder gleich durch den Wolf gedreht (ein Lieblings-Küchenutensil der Russen), um anschließend mit etwas übergossen zu werden, was nur vage ans hiesige "Dressing" erinnert. Sättigungsbeilagen "Marke bleischwer" machen das obligatorisch gereichte Feuerwasser mehr als nötig. Selbst "Grünkükü", dessen Zutaten jedes Ökoherz höher schlagen lässt, wird spätestens nach der Zugabe von acht Eiern zur letalen Killervorspeise. Ach, Kaminer macht schon Spaß, wenn er Sibirien, diese deutsche TV-Seelenlandschaft, wie er verwundert anmerkt, auf der Suche nach Essbarem durchstreift, aus der Ukraine die "Fischrolle 'Das Geheimnis'" an Land zieht (trockene Gelatine darüberstreuen!), oder von Gleb, dem Armeekumpel berichtet, der seine geliebten weißrussischen Bratkartoffeln aus purer Not in Vaseline briet, ein Versuch der uns gnädig erspart bleibt. Kaminers sozusagen mit stoischer Miene vorgetragenen Lausbubengeschichten, wie auch seine spitz milden Kommentare zur -- zugegeben recht problematischen Politik einiger ehemaliger Sowjetstaaten -- werden die stattliche Hitliste seiner bisherigen Bücher garantiert um ein weiteres bereichern. --Ravi Unger
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 7 Bewertungen)
Interessante Mischung, gut aufbereitet. 5 von 5 Punkten Das zweite Buch von Kaminer - nach Russendisko - welches mir sehr gut gefallen hat. Eine interessante Sichtweise auf Länder von denen man meist nicht sehr viel weiss. Gerade diese eigenwillige Sichtweise, gibt aber einem ein recht gutes Bild wieder. Absolut zu empfehlen, einfach zu lesen und witzig obendrein.
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Der perfekte Roman. Das Maxim-Biller-Lesebuch Maxim Biller Taschenbuch, Juni 2003 Verkaufsrang: 294799 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Das Beste von Maxim Biller: Geschichten von der Suche nach dem Glück.
Der perfekte Roman: ein Stück Literatur, das man in einer Nacht verschlingt. Das einem hilft, das Leben und sich selbst neu zu sehen, das einem zeigt, warum die Welt »ein so verrotteter Misthaufen ist und zugleich das Schönste, Herrlichste, was wir uns vorstellen können.« So sieht es Maxim Biller. Direkt und leidenschaftlich erzählt er davon, wie es ist, wenn Menschen einander lieben oder bekämpfen und dabei merken, daß es nur diese eine Welt gibt, in der sie ihr Glück verlieren und wiederfinden können. Bei ihrer großen Glückssuche läßt Biller sie nie allein. Der Blick auf seine Figuren ist mal besorgt, mal ironisch, mal zornig, aber immer zutiefst menschlich.
»Man muß sich auf echte Gefühle einigen, in den Momenten der Liebe, des Hasses und der Entrüstung man muß glauben, daß im wirklichen Leben Schluß ist mit kecken Posen. Im echten Leben und in der Literatur«, meint Biller. Lesen Sie hier das Beste von ihm. Inhalt - Der perfekte Roman (aus: Land der Väter und Verräter) - Rosen, Astern und Chinin (aus: Wenn ich einmal reich und tot bin) - Ein ganz normales Leben (aus: Bernsteintage. Erzählungen. Voraussichtlicher ET: Herbst 2004) - Der Joint (Süddeutsche Zeitung, 31.5.2001, SZ-Serie Das war die BRD) - Cilly (aus: Wenn ich einmal reich und tot bin) - Deutscher wider Willen (aus: Deutschbuch) - Motti Wind (aus: Die Tochter) - Ein Meister aus Deutschland (aus: Deutschbuch) - Auschwitz sehen und sterben (aus: Die Tempojahre) - Land der Väter und Verräter (aus: Land der Väter und Verräter) - Tischmann wird älter (Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 29.9.2001) - Adam und Esra (aus: Blaue Löwen. Roman. ET: März 2003) - Die Schwierigkeiten beim Sagen der Wahrheit (aus: Deutschbuch) - Drei Partien Scheschbesch (aus: Deutschbuch)
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 1.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 3 Bewertungen)
Ardeo ergo sum 2 von 5 Punkten Ich finde Maxim Billers Literatur noch lange nicht ueberfluessig. Leider gibt es noch viel zu viele Dinge, die wir mit Samthandschuhen anfassen und nicht offen ansprechen. Es ist gesund und wichtig fuer die Zukunft eines Volk, irgendwann den Mantel der Normalitaet wieder zu tragen. Wenn ich Billers Aufsaetze lese, dann fuehle ich aber, dass unter diesem Mantel noch vieles am Arbeiten ist und noch bearbeitet werden muss. Ich moechte nicht blind sein und taub sein, ich moechte fuehlen, was richtig ist und nicht muede werden, dafuer zu kaempfen. Danke Biller, dass du mich immer wieder erinnerst!
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Land der Väter und Verräter Maxim Biller Taschenbuch, April 1997 Verkaufsrang: 291665 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Maxim Billers Buch ist ein Kaleidoskop unserer Epoche, das auf immer neue Weise um das gleiche Thema kreist: Wie hat das Grauen der Vergangenheit die Menschen der Gegenwart im Griff, und wie kann man darüber erzählen, ohne zu versteinern oder zu vergessen.
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Musik: Roman Thomas Meinecke Broschiert, April 2007 Verkaufsrang: 302530 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Karol ist Flugbegleiter und widmet sich mit Leidenschaft der Musik. Er verfolgt, wie leichter Swing zu schwierigem Bebop umkodiert wird oder Disco als House Music erneut in den Untergrund abtaucht. Seine Schwester Kandis ist Schriftstellerin und beschäftigt sich mit historischen Ansätzen weiblichen Schreibens. In zunehmender Übereinstimmung ihrer Themen tauschen sich die beiden über die komplizierten Wechselwirkungen zwischen anatomischem Geschlecht, sozialem Geschlecht und sexuellem Begehren aus. Ein intellektuelles Puzzle für Feministinnen und Flugbegleiter.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 1 Bewertung)
Diskurse über Diskurse über Diskurse 3 von 5 Punkten Alles beim Alten in Thomas Meineckes neuem Roman. Wieder dürften Kenner der gender studies ihre helle Freude haben: Auch in "Musik" wird nur eine minimale Handlung vorangetrieben, während die Protagonisten die meiste Zeit über das "Geschlecht" und Geschlechterrollen erzählen, schreiben, nachdenken und zitieren.Meinecke behandelt seine Thema dabei mit einer intellektuellen und popkulturellen Präzision, dass Nicht-Eingeweihte das Buch schon nach wenigen Seiten entnervt in die Ecke werfen dürften. Man muss sich schon ein wenig auskennen im Dschungel der Gender-Problematik, damit man den Assoziationspfaden Meineckes folgen kann. Hat man aber erst einmal verstanden, dass man hier keinen klassischen Roman, sondern ein Buch über die Diskursivität allen Denkens und Seins vor sich hat, steht einer anregenden und vor allem kenntnisreichen Lektüre nichts mehr im Weg. So schafft es Meinecke in "Musik" die Figuren Nietzsche, Ludwig II., Missy Elliott, Aahliyah und Claudia Schiffer miteinander so zu verknüpfen, dass es einem wie das selbstverständlichste der Welt vorkommt. Meinecke-Kennern sei gesagt, dass er in "Musik" deutlich nüchterner an sein Thema herangeht als z. B. in "Tomboy". Hatte man dort noch manchmal das Gefühl, er amüsiere sich über die intellektuellen Diskussionen seiner Protagonisten, so merkt man hier, dass er sie durchweg Ernst nimmt. Das macht sein Buch zwar zu einer wesentlich klareren, leider aber manchmal auch zu einer recht trockenen Sache. Ein letztes Wort zum Titel: Wer Popliteratur im Stile eines Nick Hornby oder Stuckrad-Barre erwartet, sei gewarnt. Hier werden keine nostalgisch verklärten Geschichten über Lieblingsplatten erzählt, sondern auf äußerst hohem geistigen Niveau Quasi-Wissenschaft betrieben. |
Dekonspiratione Rainald Goetz Taschenbuch, Januar 2002 Verkaufsrang: 167422 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 3 Bewertungen)
"schöne neue Literatur..." 1 von 5 Punkten Dieses Buch ist gleichsam nichts sagend wie dessen Titel „Dekonspiratione". Beginnt man dieses Buch zu lesen so geistert einem nach zwei, drei Seiten sofort ein Schlagwort durch den Kopf: „Popliteratur". Ich meine nun die negativen Aspekte die man so mit der Popliteratur assoziiert, wie: abgehackte Sätze, skurriles und unverständliches Vokabular, keine Handlung ausser der sinnlosen Beschreibung dröger Gestalten, die allesamt unter die Rubrik der „Popliteraten" fallen. Rainald Goetz hat zwar krampfhaft versucht mit den Elementen unserer ach so oft geschilderten „Spassgesellschaft" diesem Buch irgendwelchen Inhalt oder gar Sinn zu vermitteln, aber letztendlich hängt die story ausschliesslich an einigen illustren deutschen Personen, denen mittlerweile einen festen Platz in der neuen deutschen Literatur, auch genannt „Popliteratur", eingeräumt ist. Der Leser darf sich echt wundern warum so was im Namen des Suhrkampverlags publiziert wird.
Adapted from a true story 5 von 5 Punkten Eine junge Frau, Studentin, hat sich von ihrem Freund getrennt und fährt - um auf andere Gedanken zu kommen - nach München. Katharina hat den Respekt vor Benjamin verloren, dem ewigen "Talent im Wartestand". Der Streit war eigentlich unerheblich, "es gab kein Geschrei und kein Gezeter"; aber Katharina musste einen Schnitt vollziehen, scharf und ansatzlos wie eine Exekution. Die Krise kommt später, im Zug nach München, kurz hinter Kassel, unterbrochen nur von Momenten der Zuversicht, "dass alles richtig ist. Dass alles gut wird." Benjamin bleibt in Berlin zurück. Er arbeitet für die Firma "Public Sword" und entwickelt neue Formate für Talkshows. Aktueller Auftrag ist die Reformierung der Harald-Schmidt-Show. Die neue wöchentliche Talkshow, so das Konzept, soll "Nothing Special" heissen und nach Art des "Literarischen Quartetts" über Sendungen der jeweils vergangenen Woche diskutieren. Ein Hauptgegenstand der Erzählung "Dekonspiratione" ist - ganz klar - unsere Medienwelt. Kein anderer Schriftsteller setzt sich so intensiv mit den Medien auseinander wie Rainald Goetz, kein anderes Ruvre wird so direkt von Daten aus der Medienwelt gespeist wie seines. "Dekonspiration" meint dabei das Gegenteil von "Konspiration", meint "Offenbarung" und "Enttarnung". Es geht um die Freilegung und Bestimmung der Mechanismen, der "Arbeitsprinzipien", der "Ziele und Absichten", auf deren Basis konkret Programm- und Medienpolitik betrieben wird. Goetz leitet den Begriff der Konspiration aus dem "Wörterbuch der Staatssicherheit" her, und er verhandelt in seiner Erzählung den Fall des IM Schrödinger, der - just enttarnt - mit "Barschel-Blick" der Medien-Hetze zu entkommen sucht: "Realität als Grauwert, Schuld, Verfahren, Bemühen, Moral. Aber ordentliche Zertifikate für Güte und Richtigkeit, für Nicht so Böses und den einen Augenblick von vielleicht alles entscheidendem Takt auch nur, mehr nicht [...]. Dieses ganze Gewurle des Lebens. Eine Banalität, klar. Aber in einem konkreten einzelnen Fall diesen Aspekt wirklich zu erwägen ist nicht banal: wie die Schuld im Einzelnen passiert, gesellschaftlich alltäglich und praktisch fast nur in mikroskopischer Dimension." Überhaupt hat Zeitgeschichte in dieser Erzählung ihre Spuren hinterlassen. Viele Daten aus der wirklichen Welt geben uns Orientierung: Die Dokumenta X von 1997, die Entmachtung Sigrid Löfflers als Kulturchefin der "Zeit" im Sommer 1999, der 11. August, der Tag der Sonnenfinsternis, der Krieg auf dem Balkan und der Einsatz von Nato-Truppen. Ein Ereignis, der Machtwechsel 1998 in Bonn, fällt mit einer schweren Krise des Erzählers zusammen. Dieser Erzähler hat, wie Goetz, gerade ein Mammut-Projekt zu bewältigen, eine rasche Abfolge von Büchern, identifizierbar als das Theaterprojekt "Jeff Koons", die Textsammlung "Celebration", das Internet-Tagebuch "Abfall für alle" und die Erzählung "Dekonspiratione", das Gegenstück zur bereits erschienenen Erzählung "Rave" (1998). "Dekonspiratione" soll das Mittelstück jenes umfassenden Leben-Werk-Projekts werden, das unter dem Harald-Schmitt-Motto steht "Heute morgen, um 4 Uhr 11, als ich von den Wiesen zurückkam, wo ich den Tau aufgelesen habe". Die Fertigstellung hat Vorrang, aber sie verzögert sich. Die Krise, die den Autor erfasst hat, wird existenziell. Es dauert, bis sich der erschöpfte Erzähler an den Gedanken gewöhnt und sein Scheitern akzeptiert: "Ich nehme die Kapitulation an." Der realen entspricht eine fiktionale Kapitulation und wird später Teil der Darstellung. Mit "Krise" ist das vierte Kapitel der Erzählung "Dekonspiratione" überschrieben, die erst mit einem Jahr Verzögerung erscheinen kann. Ein Aspekt dieser Erzählung bedarf der besonderen Hervorhebung: Denn alles, was in "Dekonspiratione" erzählt wird, hat offenbar einen realen Hintergrund. Der Ich-Erzähler, der hier auftritt, scheint mit Rainald Goetz identisch zu sein. Alle Daten seiner biografischen Realität entsprechen genau der Lebensrealität des Erzählers - soweit man das als Aussenstehender und als Leser etwa des Internet-Tagebuchs "Abfall für alle" beurteilen kann. Wenn es aber real ist, wie kann es dann Fiktion sein? Welchen Stellenwert hat dann das Buch für unsere Literatur? Und wie dürfen wir das Wort "Erzählung" verstehen, die Gattungsangabe von "Dekonspiratione"? Offenbar geht es dem Projekt darum, beides zu sein, Literatur und Realität, offensichtlich möchte der Autor eigene Erfahrung "in die Nähe richtiger Literatur" führen, um genau den Punkt zu treffen, wo die dargestellte Welt gerade noch autobiografisch vor-literarisch ist (und auch als solche erkennbar), streng genommen aber schon der Literatur zugeordnet werden muss. Denn "Dekonspiratione" erscheint im literarischen Programm eines angesehenen Verlages, nennt sich "Erzählung", funktioniert ganz pragmatisch markttechnisch als literarische Neuerscheinung und entfaltet fiktionale Erzählstrategien. Das autobiografische Wissen über Rainald Goetz ist daran gemessen sekundär und per se irrelevant. Nicht jedoch für die Poetologie, die Goetz mit seinem Projekt verbindet und auch mehr oder weniger explizit zum Ausdruck bringt. Ihm geht es, genauer, seinen Texten geht es um die Realisierung einer solchen "pragmatisch-ideale[n] Real-Poetologie", die quasi "experimentell" am Schreiber-Ich entlang entsteht. Das klingt theoretisch kompliziert und ist es wohl auch. Bezogen auf die konkrete Umsetzung durch Rainald Goetz ist diese Poetik weniger kompliziert, weil Goetz auch Theorie wunderbar zu erzählen weiss: "Das ist mein Buch über das Schreiben", sagt er im Krisen-Kapitel, "das ich hier erlebe, das sich hier abspielt, und ich bin selber mitten drin, ich bin zu nahe dran. Ich kann es nicht schreiben." Schreiben kann er es schließlich doch. Und offenbar gelingt Rainald Goetz hier das Besondere: Eine Erzählung am Leitfaden der eigenen Erfahrung zu entwickeln, gleichwohl ein "strenges Programm" einzuhalten und zugleich literarische Kompositionstechniken zu erproben, die nicht einfach aus der Tagebuchform oder der Autobiografik entlehnt sind. So werden die einzelnen Kapitel :streng programmatisch9 durch gezielte Textgesten vielfach miteinander verknüpft. Der Ich-Erzähler reformiert sein Erzählprojekt und vollendet seine helle Erzählung "Dekonspiratione" als Gegenstück zu "Rave". "Später", heisst es gegen Ende, "taumelten wir selig durch den Raum. [...] Neben mir spürte ich den Körper der Frau, in die ich verliebt bin." (Dies ist eine "Amazon.de Campus"-Studentenrezension.)
dekonspiratione inspiratione est 5 von 5 Punkten Ich habe sie alle gelesen. Alle! Wer sagt, die Dekonspiratione sei das schlechteste Goetz-Buch ist ein Lügner. Goetz hat schon früh in Schaubildern gezeigt, worum es eigentlich geht: Text = System = Liebe = System = Tod. Dieser Gedanke deutet uns in eine Richtung, die im Grunde nichts anderes sagt, als das, was uns umhertreibt. Und von nichts Anderem handelt Dekonspiratione. Vom schönen München, vom furchtbaren Berlin, von Benjamin von Stuckrad-Barre, Westfalia Bambaata und Christian Kracht. Denn das System ist da, fragt sich nur, um mit Saussure zu sprechen, wie lange das noch gut geht. |
Die Wüste Lop Nor Raoul Schrott Taschenbuch, Mai 2003 Verkaufsrang: 254091 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 5.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 2 Bewertungen)
Die Erfindung der eigenen Geometrie 5 von 5 Punkten Roul Schrotts Novelle "Die Wüste Lop Nor" kennzeichnet eine Verschlossenheit, die durchbrochen werden will.
Einerseits ist es die Verschlossenheit der Sprache, deren Bilder herausstechen aber nie für Klarheit sorgen; da ist die Verschlossenheit der Hauptpersonen, Raoul Loupers und seiner drei früheren Freundinnen, und zuletzt die Verschlossenheit der Orte und Gegenden, in die sich Raoul Louper aufmacht, um die Gesänge der Dünen zu sammeln und ihnen durch Assoziationen nahe zu kommen. Doch jeder Ort, jeder Mensch und auch die Sprache an sich bleibt unvollständig und schafft es nur mit Mühe etwas Fehlendes zu verschleiern. Es geht so weit, dass selbst der formale Aufbau des Buches, die Kapitel und Seiten weite Stellen frei lassen, als wolle Raum geboten werden für weitere Einfälle.
Auch der Leser wird von den nie eindeutigen, unkonkreten, geradezu rätselhaften Formulierungen in die Irre geleitet. Auch er ist ähnlich wie Roul Louper selbst bestrebt diese Geschichte zu ordnen und damit den Kreis zu schließen, ein Ganzes daraus zu machen.
Dabei bleibt jedoch der Erzähler stets im Dunkeln. Mal hält man ihn nur für EINEN Freund, dann aber entpuppen sich auch andere Stimmen des Erzählers als hätte sich hier eine Sammlung aus verschiedensten Einträgen der Weggefährten Loupers gebündelt. Auch an eine Aufteilung Loupers in alternative Egos könnte man denken.
Die Wirkung erzielt der Reisebericht Schrotts besonders durch die Bildgewalt und stechendscharfen Ausdrücke, die zwar durch ihren Tiefsinn und durch die Kargheit wieder sehr vielbedeutend sein können, allerdings in sprachlicher Schönheit und mit poetischen Zügen auftreten.
Faszinierend und nachdenklich geschrieben, stellt die Geschichte die Suche nach archaischen Klängen und Gefühlen dar, ebenso das Kunststück aus den übriggebliebenen Erinnerungen an ein Leben (den Erinnerungsstücken) einen Sinn abzuleiten.
Für Raoul gleicht die Wahrnehmung den Trugbildern in der Wüste, auch der Leser wird (mit Absicht) an vielen Stellen des dünnen Buches irritiert. In der Rekapitulation der Ereignisse versinkt Raoul, mittlerweile Bewohner einer Mietwohnung in der Nähe von Alexandria, in der er wie ein Exilant haust, in seiner Lebens- und Liebensgeschichte wie in dem sagenumwobenen Treibsand für den u.a. auch der Titel, die Wüste Lop Nor, in der Novelle steht. Während die Geschichte rein formal den Kreisschluss schafft, das Thema des Anfangs am Ende wieder aufgegriffen wird, müssen wir uns Raoul Louper wohl als jemanden vorstellen, der weiterhin angestrengt seine Welt zu verstehen versucht.
Verloren und Gefunden 5 von 5 Punkten Wenn man mehrere Tage und Nächte verreist war, zurückgekehrt ist und alles ausgepackt hat, findet sich drei Tage später die Seele ein. War das Reiseziel eine Wüste, kann es sein, dass ein Teil der Seele einfach dort geblieben ist. Auf der Suche danach bin ich über den Englischen Patienten und die Schwimmer in der Wüste auf Raoul Schrotts "Die Wüste Lop Nor" gestoßen und habe in seinem Buch zumindest die Idee dessen gefunden, was ich in der Sahara verloren habe. Egal, wo man es aufschlägt, der Sand ist überall. Die Geschichten darin erscheinen zum einen durch den Ich-Erzähler, bzw. den Freund Raoul greifbar nah wie eine Fata Morgana, dann aber wieder so fern, dass die Bilder genug Dimensionen bieten für eigenes. Mit diesem Fehlen jeglicher "Betroffenheitspoesie" hat er der Wüste den Raum gegeben, den sie braucht, geradezu fordert, damit sie überhaupt anfängt, sich selbst zu erzählen. |
Spione Marcel Beyer Taschenbuch, August 2002 Verkaufsrang: 280196 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Zu Spionen in ihren Familien werden die Jugendlichen Carl, Paulina und Nora. In Fotoalben stoßen sie auf Geheimnisse, auf Verschwiegenes und Verborgenes. Wer war die scheinbar früh verstorbene Großmutter, die Opernsängerin mit den "Italieneraugen", welche Liebesgeschichte rankt sich um den Großvater, der 1936 aus dem Blick seiner Verlobten verschwand? Hat die zweite Frau des Großvaters die Fotoalben gesäubert? Wie ein Spion bewegt sich der Erzähler zwischen den Generationen, zwischen den Lebenden und den Toten, Vergangenheit und Gegenwart. Marcel Beyer, bekannt geworden durch seinen Roman "Flughunde", begibt sich auf eine außergewöhnliche Spurensuche und stellt die Frage: Kann man mit Worten töten?
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 4 Bewertungen)
Zwischen den Zeilen lebt die Genialität 5 von 5 Punkten "Beyer lauscht den Stimmen, wo wie noch ganz nah am Leib sind, dem Gesäusel und den Zornesausbrüchen der Liebenden, dem unbeobachteten Gerede für sich, wenn keiner zuhört. Er ist ein Chronist leibgeformter Klanggestalten", schreibt Thomas Schmidt über Marcel Beyer. Dem kann ich nur zustimmen: Ganz wie ein Spion lebt man in den inneren Monologen der Protagonisten, fliegt durch die Generationen, die - obwohl sie so verschiedene Zeiten durchlebt haben - ganz ähnliche Charakterzüge haben. "Eine" bestimte Wahrheit gibt es in diesem Buch nicht. Denn wo die Protagonisten auf Geheimnisse stoßen, erfinden sie, phantasieren sie. Sprachlich ist dies kaum abgegrenzt, vielmehr erkennt man es aus dem Zusammenhang. Beyers literarisches Territorium - die Rolle der Großeltern-Generation im Dritten Reich - ist gefährlich. Denn oftmals liest sich sein Werk so, als würde er ihre Taten entschuldigen. Doch auch hier muss auf Kleinigkeiten geachtet werden: Die Großmutter mit ihren dunklen spanischen Augen begeistert Großvaters Uniform nicht. Der Großvater selbst verdrängt seine mörderische Rolle im NS-Regime und sieht vielmehr, was er durch seinn Job bei der Wehrmacht bekommt: Ansehen, ein gesteigertes Selbstbewusstein, Identifikation und Geld. Und das ist in Zeiten der Verwirrung und Verzweiflung der Weinmarer Republik viel wert. Sicher mag das Buch durchkonstruiert sein. Doch bei der Vielfalt, die Beyer versucht darzustellen, der Umfang, mit dem er die gesellschaftlichen und persönlichen Motive darstellt, ist dies sicher nötig. Also ein Buch, das aufmerksam gelesen werden muss, dass ein kritisches Denken und ein robustes Wissen vorraussetzt. Und mit Sicherheit ein literarischer Genuss.
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Die Tempojahre Maxim Biller Taschenbuch, September 1991 Verkaufsrang: 280880 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 1 Bewertung)
Atuelle, bissige , treffende Kommentare zum Zeitgeist! 4 von 5 Punkten Billers Beobachtungen und Kritik am Zeitgeist sind oft bösartig und provokant, leider allzuoft höchst zutreffend. Verschiedene Persönlichkeiten des kulturellen und politischen Lebens werden beleuchtet und kritisch hinterfragt. Billers Stil ist mal angriffslustig-polemisch, mal analytisch-gesellschaftskritisch. Dieses Buch ist sehr anregend und inspiriert zu einem kritischen Blick auf all jene, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen! |
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