Junge Literatur

Inhaltsangaben
Kurzbeschreibungen
Zusammenfassungen
Seite 12

Nabokovs Katze - Thomas LehrNabokovs Katze
Thomas Lehr

Broschiert, April 2005
     Verkaufsrang: 298284      Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden

Preis: € 10,00 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

Thomas Lehr, ein junger Berliner Autor, hat bereits für seinen ersten Roman Zweiwasser oder die Bibliothek der Gnade den Rauriser Literaturpreis für die beste deutschsprachige Erstveröffentlichung erhalten.

Georg und sein Freund Hermann experimentieren im milchgesichtigen Alter von fünfzehn Jahren mit LSD. Für Georg endet diese Phase der Pubertät mit einem Horrortrip. Nach seinem Krankenhausaufenthalt trifft er Camille, ebenfalls fünfzehn. Sie wird seine erste Freundin, und die beiden halten in den nächsten zwanzig Jahren ihr platonisches Band der Freundschaft aufrecht, das immer wieder bei ihren Besuchen vor sexueller Spannung vibriert.

Georg schlägt sich mit Sartres Das Sein und das Nichts herum, verschreibt sich der Mathematik und wandert von der reifen Lisa zu Brigitte und lebt während seiner Zeit im Zivildienst eine Weile mit Stella zusammen. Für seine Beziehung zu Frauen hat Camille Maßstäbe gesetzt, die auch Maria, die angehende Architektin, nicht befriedigen kann. Mit ihr lebt Georg während seines Studiums in Berlin. Dort verwirklicht er einen Jugendtraum: Er dreht seinen ersten Film. Endlich scheint er am Ziel seiner Suche angekommen zu sein.

Die Faszination von Nabokovs Katze liegt neben der intensiven Sprache, die in keiner Zeile angestrengt wirkt, im fein schattierten historischen Hintergrund. Thomas Lehr beschreibt das Leben der "Nach-68er-Generation", der er selbst angehört, ungeheuer treffend -- es stimmt einfach alles: von den diskutierten Büchern, der Musik, bis zu den Bildern im Fernsehen und der IKEA-Einrichtung in der Studentenbude. Bitte mehr Autoren dieses Kalibers. --Manuela Haselberger

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 8 Bewertungen)

Den einen bewegt's, den anderen nicht      5 von 5 Punkten
Für mich war das Buch eine Offenbarung - sozusagen als bessere Fortsetzung von Andrea Di Carlos "Zwei von zwei", weil es genau meinem Lebensgefühl entsprach (bin 1958 geboren, und damit kein 68er mehr). Ganz genau so habe ich in verschiedenen Lebensphasen (70er, 80er, 90er) gedacht und meine Umwelt empfunden.

Das Buch gibt eine faszinierende Beschreibung des Zeitgeistes im Wandel der letzten 30 Jahre. Die vielen Erotikszenen fand ich ausgesprochen anregend.

Insgesamt ein Männerbuch, für eine bestimmte Generation. Dafür ist es fantastisch.

 Weitere Lesermeinungen



Venus - Else BuschheuerVenus
Else Buschheuer

Gebundene Ausgabe, Februar 2005
     Verkaufsrang: 299272     

Bei Amazon direkt z.Zt. nicht lieferbar,   Bei anderem Anbieter bestellen

Nicht viel los an diesem heißen Frühsommertag in New York. Spielen wir also ein wenig Superman und fliegen ein paar Runden auf unserer Suche nach einer spannenden Sommergeschichte. Hallo, schon auf der Upper East Side werden wir fündig. Eine Frau, splitternackt hinter einem Panoramafenster, zu ihren Füßen die Leiche eines Mannes. Ein perfekter Anfang für unsere Story. Nun muss noch ein Retter her, der die Mörderin (!?), die ohne Erinnerung und barfuß durch New Yorks Straßen eilt, unter seine Fittiche nimmt. Nicht irgendwer -- nein, ein barhäuptiger Mönch in orangefarbener Kutte sollte es schon sein. „Nennen wir ihn Bliss Swami“.

Ein neuer Wurf von Helge Schneider? Oder hat Gott selbst einem unserer Pop-Literaten die Feder geführt, wie der durchgängige Pluralis majestatis der Erzählerstimme nahelegt? Gar nicht so daneben. Else Buschheuer, ewiges Enfant terrible der deutschen Literatur- und Internetszene, lässt erneut ihren Fabulierkünsten freien Lauf. Man muss schon bereit sein für das Zufallsprinzip, nach dem die Autorin Personal und Handlungsstränge frei aus dem Hut zaubert. Im Tempel des Bliss Swami, dem „God's Motel“, wartet alsbald allerlei schellenklimperndes und heiligmäßiges Gelichter auf Venus (wie sie inzwischen getauft wurde). Hare Krishna, Hare …

Normalos haben keinen Zutritt. Nur das absolut Grelle und Ausgeflippte erhält bei Frau Buschheuer die allerhöchsten Weihen, ihren Kosmos betreten zu dürfen. In „God's Motel“, einer Art ökumenischer Sozialstation für Geläuterte und Erleuchtete, begegnen wir Toga, dem haarigen Zwergen, Mau, dem Indianer und „Glücklichen Sklaven Gottes“, Sun Baba, einem scheintoten Maharishi-Double, sowie Bringfriede, die sich wechselweise für Buddha oder Satan hält. Angesichts dieser Traumbesatzung beschließt Venus, sich schnell und heftig in Bliss Swami zu verlieben.

Buschheuer-Report aus dem Big Apple. Das heißt Eso-Sprüche, Zeitgeistiges und jede Menge Knallchargen-Bios, die den Fortgang der Story oft behindern. Schließlich gilt es, einen Mord aufzuklären, oder? Am Ende dieser in ihrer Supercoolness oft unfreiwillig komischen Liebesgeschichte gewahrt unser göttliches Späherteam auf seinem Weiterflug über Berlin einen potentiellen Selbstmörder. Stoff für die Herbstausgabe. What a bliss! --Ravi Unger

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 5.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 7 Bewertungen)

Neues Großstadtgemüse      5 von 5 Punkten
Ja! Ja! Ja! Mal wieder ein tolles Buch von der Else, der Buschheuer. Es ist eine schöne Sommergeschichte aus New York. Ein Krimi. Denn Venus könnte eine Mörderin sein. Könnte, denn sie erinnert sich an nix. Deswegen irrt sie barfuss durch New York bis sie einem gefallen Mönch begegnet und Teil seiner Vishnu-Krishna-wir-allen-lieben-Jesus-Sekte wird. Bis dahin ein ganz normaler Krimi. ABER (ja, das ABER muss so groß sein, denn die Else würde nicht Buschheuer heißen, wenn ihr hier nicht etwas ganz Tolles einfallen würde): Ihre Erzählperspektive! Sie nimmt den Leser nicht nur an die Hand, sondern verschwestert sich regelrecht mit. Und so kommt es einem vor, dass gemeinsam mit Else beschließt, dass sich die Venus jetzt gefälligst in den Mönch verlieben sollte, damit die Geschichte etwas Würze bekommt. Dadurch ist man nicht nur Voyeur, sondern seziert sozusagen Großstadtgemüse. Und noch eine Raffinesse: Viele Schriftsteller bauen die Lebensgeschichten ihrer Figuren mühsam in die Handlung ein. Das macht Else nicht. Immer, wenn ein neuer Charakter auftaucht, wird auch gleich seine ganze Vergangenheit erzählt. Bis zum Jetzt, in dem er so ist, wie er ist, warum er ist. Und wer jetzt denkt, dass solch ein Schreibstil auf Dauer anstrengend ist, der irrt. Es ist ein richtiger Lesespaß!


 Weitere Lesermeinungen



Wie es leuchtet - Thomas BrussigWie es leuchtet
Thomas Brussig

Gebundene Ausgabe, September 2004
     Verkaufsrang: 142932      Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden

Preis: € 19,90 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

„Alles, was ich über diese Zeit weiß, weiß ich von deinen Bildern“, sagt Lena, die in Thomas Brussigs opulentem Roman Wie es leuchtet gern kämpferisch als „rollschuhlaufende Jeanne d'Arc von Karl-Marx-Stadt“ durch die Gassen schliddert, bevor sie als Sängerin mit einem Nummer-1-Hit die Hitparaden stürmt. Denn die Bestimmung des Ich-Erzählers ist es, „dem Leben die Bilder zu entreißen“. Mit einer Leica-Spionagekamera, ganz subversiv und leise. Das ist auch besser so. Denn „diese Zeit“, die Lena meint, ist einmal mehr die Zeit des Mauerfalls.

Natürlich ist der Ich-Erzähler von i>Wie es leuchtet, der das deutsch-deutsche Geschehen als Medienereignis begreifen hilft, so etwas wie das Alter ego seines Autors. Auch Brussig nämlich verwandelt Geschichte in Bilder, in literarische Bilder allerdings. „Junge Frau auf Bahnsteig 14“ heißt dementsprechend ein Kapitel seines Buchs, „Ein Mann steht im Wasser“ oder „Paulchen geht vorbei“ heißen zwei andere. An einer Stelle gerät ein Starreporter namens Leo Lattke ausgerechnet angesichts der sich überstürzenden Ereignisse in eine Schreibkrise. Ein furzender Tankwart wird Direktor eines Luxushotels, ein 19-jähriger Albino soll dem VW-Konzern auf die Sprünge helfen. In Brussigs chaotischem Mauerfall-Reigen ist alles möglich, wie im Leben damals -- und fügt sich am Ende doch wieder zu einem schlüssigen Bild.

„Lena ist längst nicht die einzige, für die jene Wochen und Monate eine einzigartige, aufwühlende Erfahrung war“, heißt es in Wie es leuchtet über den Herbst 1989 und das so genannte „Deutsche Jahr“: „Trotzdem gibt es kein Buch, in dem die Erfahrungen jener Zeit für alle gleichermaßen gültig aufbewahrt sind, so wie ,Im Westen nichts Neues' die Erfahrungen der Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs versammelte“. Das Zitat weist darauf hin, dass Brussig mit Büchern wie Helden wie wir oder Am kürzeren Ende der Sonnenallee an eben jenem Wiedervereinigungsepos feilen wollte -- und sich sein Scheitern eingesteht. Auch Wie es leuchtet mit seinem stark Grass'schen Erzählton ist nicht der ganz große Wurf geworden. Und dennoch ragt es aus der unpolitischen deutschsprachigen Betroffenheits- und Subjektivitätsliteratur der letzten Jahre hell leuchtend heraus. -- Stefan Kellerer

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 36 Bewertungen)

Ein Buch, das (gemischte) Erinnerungen für den Leser zurückbringt      5 von 5 Punkten
Ich habe noch nicht viele Wende-Bücher gelesen, aber dies erscheint mir doch als eines der gelungendsten. Brussig beschreibt auf wunderbare, eindringliche Weise anhand ausgewählter Typen die langsame Verwandlung des DDR-Bürgers in ein gesamtdeutsches Wesen. Am hervorragendsten und prägnantesten gelingt ihm das mit dem Gleichnis der Blinden Sabine Busse, die zwar das Augenlicht erhält, aber das Wesen des Sehens nicht "begreifen" kann und will und deshalb letztendlich doch blind bleibt.

Jetzt fehlt mir zur Abrundung nur noch ein ebenso eindringliches Buch, dass die Zeit aus westdeutscher Seite beschreibt.


 Weitere Lesermeinungen



Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens - Max GoldtVom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens
Max Goldt

Gebundene Ausgabe, Januar 2005
     Verkaufsrang: 223821      Gewöhnlich versandfertig in 4 bis 5 Tagen.

Preis: € 17,90 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

Was würde wohl die Nachwelt über den inzwischen 46-jährigen, begnadeten Titanic-Kolumnisten Max Goldt so Tolles denken, wenn er stürbe? Natürlich kann man das nicht wissen, aber für die Beantwortung von derlei skurrilen Fragen haben wir ja einen, der sie besser als jeder andere beantworten kann: Max Goldt selbst natürlich. In der wundervollen Erzähl- und Dialogsammlung Vom Zauber des seitlich dran Vorübergehens hat er das getan, mit Hilfe des Mundes eines Freundes, in einer Geschichte mit dem anspielungsreichen Titel „Das süße Nichts (Ich weiß noch, über was wir gestern Abend geredet haben)“, die von wunderschönen Konjunktiven nur so wimmelt. Wenn Max Goldt stürbe, sagt da der Freund, dann würde als toll im Gedächtnis bleiben, dass er eine „angenehm ungroße Pfeffermühle“ besessen hätte „und nicht, wie heutzutage beinahe bei allen, ein Ungetüm im Maßstab einer Grabbeigabe aus phallokratischer Vorzeit.“

Vermutlich wird die Nachwelt an Max Goldt toll finden, was er nach der Tollfindäußerung des Freundes an Erklärungen für die Daseinsberechtigung hässlicher übergroßer Pfeffermühlen auffährt. Wie er aus der Absage, „eine wunderbar satirische Weihnachtsgeschichte“ zu schreiben, eine herrlich ironische Story über Weihnachtsbräuche und die Psychologie satirischer Weihnachtsgeschichten schnitzt. Und wie es ihm immer wieder gelingt, den Finger auf all jene scheußlichen Dinge unserer Alltagswelt zu legen, an denen man „in friedlichem Desinteresse“ und „dank der guten baupolizeilichen Bestimmung in Deutschland“ auch einfach seitlich vorübergehen könnte.

Würde der Nachwelt nach Goldts Dahinscheiden nur Vom Zauber des seitlich dran Vorübergehens überliefert werden, so stünde es der Nachwelt gut an zu behaupten, Goldt sei niemals ein begnadeter Kolumnist gewesen. Denn mit diesem Buch hat er sich endlich von diesem einengenden Attribut emanzipiert. Er sollte den Nachgeborenen als begnadeter Humorist und Wortzauberer in Erinnerung bleiben. Dass er das und nichts anderes ist, hat er mit Vom Zauber des seitlich dran Vorübergehens eindrücklich bewiesen. --Thomas Köster

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 8 Bewertungen)

ein Sokrates für Deutschland ...      5 von 5 Punkten
"Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens" - dieses in den Titel emporgekletterte Fragment stammt aus der Besinnung, die Max Goldt bezüglich der lauten Weihnachtsmärkte anstellt, und, stellvertretend für den Rest des Buches, sei einmal die GOLDTsche Weltsicht an der Behandlung dieses Themas durchleuchtet - besonders auch, weil ich dies am 24. Dezember, dem "Heiligen Abend" schreibe, an dem ich das Buch verschenkt habe: MAX schreibt: "Weihnachten ist eine der drei großen Volksschwächen. Die anderen beiden sind Autos und Fußball" - in meiner Heimatstadt Hattingen muss man hinzufügen: und die Verleihung von Ehrenringen. Natürlich folgt man auch in meinem Hattingen dem wachsenden Brauch, wie MAX schreibt "historische Marktplätze für geschlagene fünf Wochen mit billigen Sperrholzverschlägen zu möblieren" - besonders beeindruckt hat mich in Hattingen immer ein "Märchenwald" aus großen, abgeblätterten, stellenweise bei ganzjähriger Lagerung im Bauhof verknickten Blechfiguren - das Rennen aber machte bei mir diesjährig ein Wasserfall auf einem Bildschirm in einer, wie Max Goldt formuliert "Bretterbude mit aufgetackertem Fichtengrün" - ich war angenehm überrascht, dass, anders als in der Nachbarstadt Bochum, nicht auch Samurai-Schwerter verkauft wurden. Wie mag es in Nürnberg, Rothenburg, Straßburg, Hamburg, München sein? In Hattingen auf dem historischen Kirchplatz (16. Jahrhundert) gibt alljährlich die Ehefrau eines städtischen Dezernenten, ganz in Weiß als Engel verkleidet, Geschichten aus der Heiligen Schrift zu Gehör, untermalt von entsprechender Musik. Übertroffen wird dies nur noch von einer Frau Holle, die, ihren dicken Busen durch die Butzenfensterchen eines Fachwerk-Rathauses quetschend, den "Menschenkindern" unten ein paar Kissenfedern zuwedelt. Außerdem gab es auf dem mit Kopfstein im Mittelalter-Touch gepflasterten Marktplatz für in Bussen angereiste johlende Gruppen, rote Blink-Mütze auf dem Kopf, Glühwein in der Hand, Pfeilwerfen auf Luftballons. Ich bin froh, dass durch das Büchlein von Max Goldt bewiesen ist, dass ich nicht der einzige bin, der sich von Weihnachtsbuden nicht so sehr bezaubern lässt, sondern seitlich dran vorbeigehen kann am Bretterwerk, "dank der guten baupolizeilichen Bestimmungen". Max Goldt ist nicht nur Satiriker. Er ist eigentlich Soziologe, nein - Philosoph - so eine Art SOKRATES für Deutschland.


 Weitere Lesermeinungen



Herrn Kukas Empfehlungen. Brigitte-Edition Band 25 - Radek KnappHerrn Kukas Empfehlungen. Brigitte-Edition Band 25
Radek Knapp

Gebundene Ausgabe, Juli 2006
     Verkaufsrang: 247516     

Bei Amazon direkt z.Zt. nicht lieferbar,   Bei anderem Anbieter bestellen

In Radek Knapps neuem Roman lernt der junge Pole Waldemar das Abenteuer lieben. Von dem Lügenbold und Kleinganoven Kuka in geheimer Mission nach Wien geschickt, erlebt er als Ich-Erzähler Schmuggelorgien an der Grenze, trifft auf einen Meisterdieb, der die Zeit anhalten kann, wird selbst zum unfreiwilligen Bankräuber und findet wie Nebenbei die Dame seines Herzens. Am Ende steht die Erkenntnis, in Wien am merkwürdigsten Ort der Welt gelandet zu sein: "wo sich Schwimmbäder in Nationalparks verwandeln, Spendierhosen hinter einem 'Gott vergelt's' rufen und niemand Dir eine Arbeit geben will, nur weil Du die falschen Schuhe geschenkt bekommen hast". All dies beschreibt Knapp in Herrn Kukas Empfehlungen mit eben jener Portion an Witz und Charme, welche die abstrusen Ereignisse ebenso glaubhaft wie lesenswert macht.

Als der inzwischen 35-jährige Knapp 1994 mit den polnischen Dorfgeschichten Franio debütierte, erhielt er den begehrten aspekte-Literaturpreis und wurde quasi über Nacht zum Star des Feuilletons. In Franio ließ er seinen bezaubernden Titelhelden Phantasiegeschichten scheinbar aus der Zeitung ziehen, einen Stationsvorsteher mit dem Teufel um die Gunst der Volksschullehrerin buhlen und einen Schwerenöter die Apokalypse heraufbeschwören, um die Dorfschönheiten zu verführen. In Interviews versicherte der Autor damals, derart skurrile Geschichten selbst erlebt zu haben. Als Heizungsableser etwa habe er in der Badewanne einer Wiener Sozialbauwohnung schon mal ein Krokodil entdeckt. Ob das tatsächlich stimmt, ist eigentlich egal: ansonsten nämlich ist es hübsch erfunden. "So ist das Leben", heißt es einmal in Herrn Kukas Empfehlungen über eine absonderliche Wirklichkeit. So ist es wohl - zumindest in der Literatur.--Thomas Köster

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 18 Bewertungen)

Wien, Wien, nur du allein...      5 von 5 Punkten
Waldemar kommt von Polen nach Wien und erlebt den Westen von einer Seite, die wir Westler wohl nie kennen lernen werden. Wer Wien kennt, wird hier vieles wieder finden was diese Stadt so charmant und so außergewöhnlich macht und bei meinem nächsten Besuch werde ich sicher viel Zeit in dem Park vom Belvedere verbringen und ihn mit ganz anderen Augen sehen.


 Weitere Lesermeinungen



In Afrika. Mythos und Alltag - Ilija TrojanowIn Afrika. Mythos und Alltag
Ilija Trojanow

Broschiert, 1996
     Verkaufsrang: 361650     

Bei Amazon direkt z.Zt. nicht lieferbar,   Bei anderem Anbieter bestellen

Der »dunkle Kontinent« und seine Möglichkeiten Ein wunderschöner Bericht über Ostafrika.



Die Unvollendeten: Roman - Reinhard JirglDie Unvollendeten: Roman
Reinhard Jirgl

Broschiert, Januar 2007
     Verkaufsrang: 281226      Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden

Preis: € 10,00 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

Eine sprachlich eindrucksvolle Familiensaga und ein literarisch dichter Roman über Heimat und Exil.
»30 Minuten Zeit - mit höchstens 8 Kilo Gepäck pro Person - am Bahnhof sich einzufinden - diejenigen, die gegen diesen Befehl verstoßen, werden nach den Kriegsgesetzen bestraft. « Sommerende 1945. Die tschechischen Behörden nehmen ihre Vertreibungen vor, und die deutsche Minderheit flieht aus dem Sudetenland. Vier Frauen - die einzigen Mitglieder einer großen Familie, die den Krieg überlebt haben - stehen im Mittelpunkt: Johanna, deren Töchter Hanna und Maria sowie die siebzehnjährige Enkelin Anna. Ihre Geschichte der Vertreibung, der Verlust der Heimat, die Entwurzelung und das neue Leben in der Fremde - in einem kleinen ostdeutschen Dorf Nahe der Zonengrenze - bis in die Gegenwart des Jahres 2002 in Berlin läßt Jirgl auch den Urenkel erzählen. Er trägt zusammen, was ihm Mutter, Großmutter, Großtante und Urgroß-mutter erzählt haben, um endlich auch sich selbst zu verstehen.


Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 2.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 2 Bewertungen)

Unerträglich      1 von 5 Punkten
Mag ja sein, dass der Autor ganz talentiert ist - das Problem ist aber, bei dieser unmöglichen Art von Rechtschreibung legt man nach spätestens 10 Seiten das Buch völlig entnervt zur Seite. Man hat doch im Allgemeinen besseres zu tun, als sich durch wie Kraut und Rüben verteilte Satzzeichen und verquere Rechtschreibung zu quälen, und möge der Text noch so gut sein. Gäbe es die Möglichkeit, keinen Stern zu geben, hätte ich das getan!

Macht Geschichte eindrucksvoll erlebbar      4 von 5 Punkten
Das Buch habe ich in wenigen Tagen ausgelesen, wobei die erste Hälfte flüssiger geschrieben ist als die Zweite.
Es hat mir die Verhaltensweisen meiner Großväter- und Vätergeneration verständlich werden lassen weil in unserer Familie über das Trauma Vertrieben sein und in der "Fremde" Fuß-fassen-müssen niemals so offen geredet wurde.-Insofern eigentlich 5 Sterne.
Die eigenwillige Rechtschreibung erschweren das Lesen sehr. Außerdem wird es in einigen Kapiteln erst recht spät klar, wer der jeweilige Ich-Erzähler ist. Dabei leidet m.E. das Verständnis des Inhalts sehr. Daher einen Stern Abzug.


Woher ich komme - Alexa Hennig von LangeWoher ich komme
Alexa Hennig von Lange

Gebundene Ausgabe, September 2003
     Verkaufsrang: 326658     

Bei Amazon direkt z.Zt. nicht lieferbar,   Bei anderem Anbieter bestellen

Woher ich komme, Alexa Hennig von Langes vierter Roman, ist der Gedankenbericht einer 30-Jährigen, die sich aus gegebenem Anlass an ihre Kindheit erinnert. Mit ihrem Vater fährt sie zurück in das Ferienhaus, das sie seit ihrer Kindheit kennt. Der erneute Besuch der Meereslandschaft konfrontiert sie mit angenehmen und unangenehmen Erinnerungen, vor allem aber mit dem frühen Verlust von Mutter und Bruder.

"Ich habe dir nie gesagt, wie es damals war", sagt die Erzählerin. Nur vage deutet sie an, wer angesprochen wird. Hennig von Lange spielt subtil mit Auslassungen und Assoziationsangeboten, hantiert souverän mit Stimmungen, Erinnerungsbildern und Zeitebenen -- und legt die Rekonstruktion des Erlebten in die Hand des Lesers. Die Entschlüsselung dieses Familien-Psychogramms macht einen wesentlichen Reiz dieses Buches aus.

Einmal mehr -- nach Ich bin's (2000), Ich habe einfach Glück (2001) und der Erzählung Lelle (2002) -- ist das zentrale Thema "Familie", doch der Ton ist ein völlig anderer. Hennig von Lange konzentriert die Gedanken ihrer Erzählerin auf kurze Absätze. Sie beschreibt leise, melancholisch und setzt nach 1.000 Seiten Teenie-Jargon auf die Wirkung des Schlichten: "Wenn es warm draußen ist, wenn es Nachmittag ist, wenn du, mein Bruder, ausgeschlafen hast, zieht dich Mama flüsternd aus dem Bett, auf ihren Schoß... Du sitzt, halb liegst du noch, fast wie ein Ertrunkener, dein Kopf an ihrer Brust, du blinzelst. Mein Bruder, jetzt öffnest du die Augen".

Stellenweise trieft das ein wenig vom Kitsch der poetischen Pose. Trotzdem ist diese Geschichte (mit etwas mehr als 100 Seiten eher eine Erzählung als ein Roman) glaubwürdig. Und es liegt in dieser Spurensuche in der Geschichte der persönlichen Gefühle ein Urmotiv des Aufschreibens: die Bergung der Momente des Älterwerdens. Die Generation der Autorin hat sich bisher nur wenig dafür interessiert. Was wäre, wenn niemals einer gesagt hätte, wie es damals war? --Nikolaus Stemmer

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 7 Bewertungen)

wunderschön      5 von 5 Punkten
Ich kann das Buch "Woher ich komme" nur weiter empfehlen.

Es ist so voller Gefühl und Poesie, dass mich das Buch ganz in seinen Bann gezogen hat beim Lesen. Es lässt daher auch Platz für Interpretationen, da nur die Gedankenwelt der Erzählerin beschrieben wird.

 Weitere Lesermeinungen



Beerholms Vorstellung - Daniel KehlmannBeerholms Vorstellung
Daniel Kehlmann

Taschenbuch, Januar 2000
     Verkaufsrang: 232632     

Bei Amazon direkt z.Zt. nicht lieferbar,   Bei anderem Anbieter bestellen

Bernholms Vorstellung ist der Debütroman des 22-jährigen österreichischen Autors Daniel Kehlmann. Kehlmann lebt in Wien und arbeitet als freier Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Der Roman erzählt die Lebensgeschichte des Magiers Arthur Beerholm. Gleichzeitig ist es das Buch eines Suchenden, eines Suchenden auf der Suche nach einer Art höherer, magischer Existenz.

Beerholms Kindheit und Jugend ist dadurch gekennzeichnet, dass er moderat unglücklich wurde. Mit zehn Jahren kam er in ein Schweizer Internat, mit 23 empfing er die niederen Priesterweihen. Diese Faszination für Theologie entstand aus einem noch undeutlichen Lebenziel heraus, "Ich wollte mir über eine Möglichkeit, die in der Ferne Gestalt annahm, klar werden, über eine irritierende mathematische Konstellation, über zwei Parallelen, die sich in einer nebligen Unendlichkeit berühren wollen.", so reflektiert Beerholm über die ersten Zauberkunststücke seiner Jugendzeit.

Vom Priesterkandidaten wechselt er zum Zauberer, macht kleine Kunststücke und arbeitet als Betrüger beim Pokerspiel. Sein Traum verwirklicht sich aber, als er sich als Schüler dem großen Magier Jan von Roden aufdrängt. Arthur Beerholm bringt es mit von Rodens Hilfe zum besten Täuschungskünstler der Welt. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens gelingt es ihm sogar, der Materie seinen Willen aufzuzwingen. Er kann Schaufensterscheiben zersplittern lassen und setzt in einem Park einen Busch in Brand. Ihn selbst lassen seine Erfolge allerdings ziemlich kalt, denn das Ziel seines Lebens, jene zwei Gegensätze, Realität und Fiktion haben sich für ihn ununterscheidbar vermischt.

Fasziniert beobachtet er, wie er als Magier so perfekt wird, dass Dinge und Welt ihm zu gehorchen scheinen und seine Zauberkunststücke wie von selbst gelingen. Am Ende kündigt er an, aus dem Fenster zu springen und seinem Leben ein Ende zu bereiten.

Beerholms Vorstellung ist ein solide erzählter Roman ohne große Aussetzer. Beerholm ist ein bemühter Selbstdarsteller, ruhig und abgeklärt erzählt er sein Leben. Sein Erzählstil ist erklärend, reflexiv, allerdings ohne geschwätzig zu sein oder Überflüssiges zu erzählen. Die faszinierende Kälte von Beerholms Empfinden fängt Kehrmann mit Hilfe eines äußerst lakonischen und zurückhaltenden Stils ein. Allerdings ist das Buch nicht ohne Längen, die vor allem auf den ersten 100 Seiten des Buches zu suchen sind.

Der Roman ist ein beachtlicher Erstling ohne große Schwächen, gut zu lesen, allerdings auch ohne große Stärken und spektakuläre Schilderungen; ein interessantes Stück reflexiver Prosa. --Christoph Steven

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 9 Bewertungen)

Ein Debut, das es in sich hat      5 von 5 Punkten
Nach dem Sensationserfolg von "Die Vermessung der Welt" legt nun der Rowohlt-Verlag Daniel Kehlmanns ersten Roman vor, den der Schriftsteller als 22-Jähriger schrieb.
Auch wenn der Roman - laut Verlag - vom Autor "behutsam" überarbeitet wurde, muss man nach der Lektüre des Buches feststellen: Der Meister von 2005 kündigt sich bereits in seinem 1. Buch an.
Arthur Beerholm sitzt im Kaffeehaus auf einem Fernsehturm unter freiem Himmel. Seit einem Monat schreibt er hier seine "Autobiografie" - und will dann offensichtlich vom Turm springen: Seine Mutter, bei der Geburt sehr jung und aus ärmlichen Verhältnissen stammend, gab ihn zur Adoption frei. Einen Vater kannte er nie. Arthur kommt zur freundlichen Familie Beerholm. Ella Beerholm, seine Stiefmutter, an der der Junge sehr hängt, wird von einem Blitz erschlagen. Nun übt sein - etwas eigenwilliger - Stiefvater die alleinige Erziehungsgewalt aus. Doch nicht lange, denn Arthur kommt ziemlich bald in ein Schweizer Internat. Warum, ist schnell klar: Beerholm heiratet seine junge Hausangestellte.
Im Internat lernt er zaubern, wobei er, je älter er wird, mit diesem Begriff immer mehr Schwierigkeiten hat. "Zaubern" ist für ihn Manipulation. Ein Zauberer hat keine Macht über die Wirklicheit! Einzige Lösung für Arthur: Die Tricktechnik, die verborgenen Griffe "hinabsinken lassen in das Halbdunkel des Unterbewußten". Und das macht er auch - wenigstens für eine gewisse Zeit. Dass er dazwischen ein Theologiestudium abschließt, macht seinen Fall für den Leser nur umso rätselhafter...
Summa summarum: Ein wunderbares Buch, in dem die Naturwissenschaften (wie auch in "Die Vermessung der Welt") eine wichtige Rolle spielen; aber auch ein Buch, das den Leser voll fordert (und das sich ihm voll wahrscheinlich erst nach dem 2. Lesen erschließt).


 Weitere Lesermeinungen



Warum so traurig? - Alexa Hennig von LangeWarum so traurig?
Alexa Hennig von Lange

Gebundene Ausgabe, 23. September 2005
     Verkaufsrang: 265357      Gewöhnlich versandfertig in 3 bis 4 Tagen.

Preis: € 14,90 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

"Irgendwie ist zwischen uns das Feuer ausgegangen", sagt Elisabeth, seit zwei Jahren verheiratet mit Philip. Ein dreitägiger Trip nach Lissabon soll für die beiden frischen Schwung bringen, wird aber eher zu einer einfühlsam skizzierten Reise ins eigene Ich, in die Vergangenheit. Entfremdung und Distanz kommen dabei ebenso schnell auf wie Sehnsucht und schmerzliche Erinnerungen an alte Zeiten.

Irgendwie ist sie erwachsen geworden und ihre Romanfiguren mit ihr: Alexa Hennig von Lange, der sympathische Lockenkopf aus Hannover, hat ein angenehm ausgereiftes Buch geschrieben über eine nicht unkomplizierte Beziehungskiste. Dieser Philip, er ist eine blasse Figur, leidenschaftslos, manchmal etwas „grobmotorisch“, Kinder will er auf keinen Fall. Elisabeth, ganz das Gegenteil, sehnt sich nach Mutterschaft, träumt nach Drogenerfahrung von heiler Welt und alter Liebe. „Für mich gäbe es nichts Schöneres, als das, was ich bin zu reproduzieren.“ Ein vorprogrammierter Konflikt zwischen den beiden, der aber auch eine Vorgeschichte hat.

„Ich bin eine Projektion, die keine Spuren hinterlässt.“ sagt Elisabeth wenig überzeugt von sich und nur wie ein Schattenwesen nimmt Philip sie wahr; dies wird wunderbar deutlich in mageren und nur aufs Wesentliche reduzierten Dialogen. Man spricht, aber redet nicht miteinander.

Der sehr überzeugende und tiefgehende Roman, geschrieben in der Ich-Form aus Sicht Elisabeths, enthüllt eine intime Gedankenwelt und die verletzliche Seele einer jungen Frau, die sich nichts mehr wünscht, als von ihrem Mann geliebt und verstanden zu werden. Je deutlicher sich das Desinteresse ihres Mannes allerdings heraus kristallisiert, desto intensiver flüchtet sie in Tagträume, in ihre Vergangenheit. „Es ist fast wie ein Zwang: Vergangenes in Gedanken zu wiederholen.“

Ein höchst gelungenes Porträt einer Beziehung, in dem sich mehrere Dimensionen harmonisch ineinander fügen: Gegenwart und Vergangenheit, manchmal wechseln sie sich von einem zum anderen Satz ab, alte und jetzige Beziehung, persönliche Wünsche, Vorstellungen und Hoffnungen. „Mein Kopf ist voll von unsortierten Bildern, zusammengeklebt von einander bekämpfenden Gefühlen.“ Und auch Ängste hat Elisabeth, vor Erdbeben, Kriegen, Katastrophen und Flugzeugabstürzen. „Lohnt doch nicht, das Leben wegen ein bisschen Portugal zu gefährden.“ --Barbara Wegmann

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 8 Bewertungen)

"Wir sollten gemeinsam sterben."      5 von 5 Punkten
"Warum so traurig" ist leider kein Buch, das man gut empfehlen kann, wenn man es mit Gesprächspartnern zu tun hat, die sich Bücher gerne über die Fragen "Um was geht es denn?" und "Was passiert denn da?" schmackhaft machen lassen. Denn: Es geht in diesem kurzen Roman um nichts Großes und es passiert auch nicht viel. Ein Paar fährt in den Urlaub, Sie (aus deren Perspektive erzählt wird) ist mit sich selbst und den Problemen der Beziehung beschäftigt, Ende.
Aber: Alexa Henning von Lange findet eine einfache, aber nicht kunstlose Sprache für ihre Heldin, die zudem durchaus mit stillem Humor aufzuwarten weiß, ohne, dass die traurige Grundstimmung der verunsicherten Heldin aus dem Blick verloren würde. (Gerade den Humor möchte ich aber betonen, weil ich mir sicher bin, dass der manchem Leser entgeht - was schade ist, weil das Buch so natürlich einen Teil seines Reizes verliert.)
Wenn ich von mir auf andere Leser schließen soll, würde ich vermuten, dass männliche Mittzwanziger, die an Houellebecq-Romanen sowohl den Humor als auch die latente Depression schätzen, hier einen Kurzroman vorfinden werden, der ihnen durchaus zusagen könnte.


 Weitere Lesermeinungen



Frühling - Thomas LehrFrühling
Thomas Lehr

Broschiert, September 2005
     Verkaufsrang: 282096      Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden

Preis: € 6,95 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

Nachdem Thomas Lehr bereits für sein Debüt Zweiwasser oder Die Bibliothek der Gnade den Rauriser Literaturpreis (Beste deutschsprachige Prosa-Erstveröffentlichung) erhielt und auch seine beiden anderen Romane, Nabokovs Katze und Die Erhörung, lobende Kritiken ernteten, wendet er sich nun mit Frühling einem anderen Genre zu: der Novelle. Ein wichtiges (inhaltliches) Charakteristikum der Gattung Novelle ist nach Goethe die Tatsache, dass sie ein "unerhörtes Ereignis" schildere; auf einer formalen Ebene besticht sie allem voran durch eine stilisierte, strenge Form. Wie geht Lehr nun in seiner Novelle eines -- so viel sei vorweg genommen -- deutschen Traumas mit dieser klassischen Tradition um?

Das Buch beginnt mit einem doppelten Suizid: Christian und seine Geliebte Gucia erschießen sich -- doch bis der Tod des Protagonisten eintreten wird, dauert es noch 39 Sekunden. Diese 39 Sekunden finden ihren Niederschlag in 39 Kapiteln, rückwärts gezählt, und lesen sich zunächst wie ein wild assoziativer Strom aus Erinnerungen an zentrale Lebensereignisse, die in diesem Zwischenreich von Leben und Tod wie ein kurzer Film nochmals vor seine Augen treten. Die Stakkato-Worte sind trunken, die Sätze zerhackt und auch die Interpunktion bietet dem Leser keinen Halt, folgt sie schließlich keinen (erkennbaren, vielleicht rhythmischen?) Regeln. An zentraler Stelle dieses atemlosen, den Leser völlig in seinen Sog ziehenden Monologs, plötzlich ein "unerhörtes Ereignis", ein geradezu traumatisches Erlebnis, um das alles zu kreisen scheint: Es ist ein Sommertag im elterlichen Garten. Christian ist mit seinem Bruder Robert vom Angeln zurückgekehrt, als sie einen (vermeintlich irren) Exhibitionisten vor der eigenen Tür sehen. Die Polizei wird gerufen und sorgt für dessen Entfernung. Robert jedoch weiß, dass der Vater Arzt im Konzentrationslager von Dachau war und gerade von einem seiner Opfer besucht wurde -- ein Wissen, das Robert drei Jahre später in den Selbstmord treiben sollte, in einen Suizid, auf den Christian noch Jahrzehnte wartete, ihn nun vor den Augen des Lesers vollzieht und endlich -- durch permanente Verdrängung -- das Ausmaß seiner Lebenslüge erkennen kann.

Der Leser selbst kann sich dieser Sterbeszene nicht entziehen: All die Schilderungen eines von Verdrängungen und Verletzungen gezeichneten Lebens sind in eine Sprache transferiert, die konsequent die Syntax der Sätze zersplittert, ja mit all ihren Normen zu brechen scheint: Die Bilder driften zusehends ins Apokalyptische ab und offenbaren eine deutsche Tragödie in einer deutschen Novelle von großem (sprach-)experimentellen Ausmaß. --Kristina Nenninger

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 6 Bewertungen)

Eine unvergleichliche Novelle      5 von 5 Punkten
Mich hat die Novelle "Frühling" von Thomas Lehr absolut in ihren Bann gezogen.

Zugegeben, am Anfang war es schon sehr gewöhnungsbedürftig zu lesen, aber ich habe mich einfach ganz auf diese vollkommen neue, ungewohnte Art Text eingelassen und während vielleicht manch anderer das Buch schon bald weggelegt hat, wurde ich zunehmend davon gefesselt. Für mich war die extreme Sprache, die so extrem ist wie das Schweben zwischen Leben und Tod, ein spannendes Rätsel, das es zu lösen gilt. Die Bilder, die die Sprache zeichnet, sind zwar wirr, konfus, surreal und absolut eigenartig (im besten Sinne des Wortes), aber mich hat das nicht abgeschreckt - nein, denn von eben diesen Bildern wird eine fiebrige, traumhafte Atmosphäre geschaffen, die mich als Leser vollkommen eingehüllt hat und ich konnte einfach nicht mehr aufhören zu lesen. Es war fast wie ein Rausch, der durch die Sprache als Droge hervorgerufen wurde.

Leider ist dies das erste Werk, das ich von Thomas Lehr lesen durfte, doch ich werde es mit Sicherheit nicht verpassen, seine anderen Werke auch noch zu lesen. Ich halte ihn für einen genialen Sprachakrobaten. Denn was er mit der Sprache anstellen kann, ist wirklich unglaublich und ich habe höchsten Respekt davor.

Alles in allem kann ich nur sagen: Wer bereit ist, sich auf ein vollkommen neuartiges und abstraktes Leseerlebnis einzulassen, sollte es mit "Frühling" von Thomas Lehr versuchen!

 Weitere Lesermeinungen



Das Tuch aus Nacht - Christoph PetersDas Tuch aus Nacht
Christoph Peters

Gebundene Ausgabe, August 2003
     Verkaufsrang: 316330      Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden

Preis: € 21,90 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

Der Herbst des Jahres 1994 ist feucht in Istanbul. Regenwolken hängen unheilschwanger über der Skyline, Nebelschwaden verdüstern die geheimnisvollen Gassen. Nur hin und wieder bringt die Sonne Licht ins Dunkel. Das Istanbul von Christoph Peters Roman Das Tuch aus Nacht ist ein chimärenhaftes Zwitterwesen. Nicht wirklich Orient, nicht wirklich Okzident, nicht wirklich wahrhaft und nicht wirklich Illusion. Hier der Wahrheit auf die Spur zu kommen scheint fast unmöglich.

Trotzdem: Albin Kranz will es versuchen in der für ihn fremden Welt. Jahrelang hat der alkoholabhängige und beizeiten unausstehliche deutsche Bildhauer die Liebe seiner Gefährtin Livia Mendt auf die Probe gestellt. Nun reisen beide in die Fremde, um auszutesten, wie nah sie sich noch sind. In Istanbul angekommen wird Kranz sofort in ein Spiel aus Wirklichkeit und Einbildung verstrickt. Hat er im Hotel gegenüber tatsächlich den Mord an dem dubiosen Edelsteinhändler Jonathan Miller beobachtet? Warum will ihm niemand glauben? Ist die Geschichte vielleicht doch Teil seines langsam beginnenden Alkoholdeliriums, wie Livia vermutet? Wird die Sympathie der Fotografin zu einer Urlaubsbekanntschaft die beiden letztendlich auseinander bringen? Und wie ist Kranz' plötzliches Verschwinden während einer Schiffsfahrt auf dem Bosporus zu erklären?

Mit viel berauschendem Lokalkolorit erzählt Peters seine ebenso vertrackte wie faszinierende Geschichte -- und stürzt seine Leserschaft in einen undurchschaubaren Strudel aus Beziehungen, Vermutungen, Lügen und Zweifeln, der sie sofort gefangen nimmt. Denn wie der Berliner Autor und Träger des aspekte-Literaturpreises seinen Plot in ständigem Perspektivwechsel spannend macht, ist sprachlich wahrlich virtuos. --Stefan Kellerer

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 4 Bewertungen)

So dunkel, und doch so hell!      5 von 5 Punkten
Brilliant. Dunkel. Sehr dunkel. Halluzionatorisch. Spannend. Vielschichtig. Ein Thriller, nicht wirklich. Eine Reiseroman, im weitesten Sinne. Eine Liebesgeschichte, mindestens zwei, aber auch nicht wirklich! Eine Leseabenteuer, allemal!Mit gekonnt eingestreuten Orientalismen. Eine Botschaft, nein! Dafür ungewöhnliche Spannungen zwischen Kunst und Leben! Toll geschrieben, wie schon die Vorgänger. Ein Lesetrip, ja - gute Reise also! Aber Vorsicht - bei falschem Gebrauch könnte sich das Buch in ihren Händen auflösen wie eine Chimäre! Große dunkle Geschichte!


 Weitere Lesermeinungen



Liebediener - Julia FranckLiebediener
Julia Franck

Taschenbuch, August 2001
     Verkaufsrang: 141485     

Bei Amazon direkt z.Zt. nicht lieferbar,   Bei anderem Anbieter bestellen

Beyla liebt es, in Kellerwohnungen zu hausen. Sie muß nur die Treppe hinauf und einen Schritt aus der Tür und schon steht sie mitten auf der Kastanienallee. Auch von unten läßt sich das Geschehen auf der Straße gut überblicken. Wenn sie sich bis zur Luke unter der Decke ein bißchen streckt, kann sie den Mann genauer sehen, der da gerade mit Mühe sein kleines rotes Auto aus der Parklücke bringt. Aber warum sieht er denn die Frau nicht, die hinter seinem Auto erschrocken ausweicht und unter die Räder der Straßenbahn gerät?

So beginnt der zweite Roman Liebediener der Berliner Autorin Julia Franck. Ganz behutsam erfährt der Leser gleich zu Beginn von den drei Protagonisten dieser eigentümlichen Dreiecksgeschichte.

Die Tote auf den Gleisen entpuppt sich als Charlotte, die im selben Haus wohnt wie Beyla. Oft sah Beyla sie nachts mit einem unbekannten Paar Schuhe vor ihrem Kellerfenster stehen. Auch wenn sie sich vor ihrem Tod noch nicht gut kannten, so hätte sie doch eine Freundin von Beyla werden können. Hätte!

Jetzt bekommt Beyla Charlottes helle Wohnung im dritten Stock des Hauses. Aus dem Küchenfenster kann sie nun Albert beobachten, der entweder telefoniert oder Klavier spielt. Seine Stimme tönt schön und dunkel in ihrer Wohnung. Daß er der Besitzer des roten Autos ist, kann Beyla nur vermuten. Aber daß er ein Liebhaber Charlottes war, weiß sie sicher. Und dennoch verliebt sie sich in ihn.

Julia Franck erzählt auf hohem sprachlichem Niveau und mit einer bestechenden Lust an feinen Konstruktionen eine erotische Liebesgeschichte mit Leerstellen. Da ist die Abwesenheit von Charlotte, die nun nach ihrem Tod umso präsenter scheint. Da ist die rätselhafte Existenz von Albert, der nichts von sich preisgibt außer ein paar erfundener erotischer Geschichten. Erfundener? Und nicht zuletzt ist da Beyla, die über beide Ohren verliebt, mit ihren Verdächtigungen in einer Liebedienerei landet und nicht glücklich wird. All das zusammen ergibt eine gelungene Mixtur für ein schönes Buch um Liebe und Tod. --Jana Hensel

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 16 Bewertungen)

Einfach wundervoll      5 von 5 Punkten
Mir hat das Buch von Julia Franck sehr gut gefallen. Sehr sensibel erzählt sie die Beziehung der beiden Protagonisten. Das Spannungsverhältnis zwischen ihnen, mitbegründet durch die Unsicherheit, wie sehr man den Partner für sich einnehmen kann und ein "Recht" auf uneingeschränktes Vetrauen hat, wird überzeugend dargestellt. Meiner Meinung nach ist dies eine aktuelle Frage unserer Zeit und unserer Beziehungen.
Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, den Zwischentöne interessieren.


 Weitere Lesermeinungen



Blackbox: unerwartete Systemfehler - Benjamin von Stuckrad-BarreBlackbox: unerwartete Systemfehler
Benjamin von Stuckrad-Barre

Taschenbuch, März 2005
     Verkaufsrang: 285557      Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden

Preis: € 10,00 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen



Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 50 Bewertungen)

Er ist ein Sprinter.      2 von 5 Punkten
Für die Langstrecke ist er nicht gemacht, läuft sie aber trotzdem. Wie bei allen seiner Bücher (ich les das Zeug doch immer wieder) ist das so. Die Anfänge und Grundideen sind spritzig und witzig und mitunter absolute Kracher. Den Punkt an dem man aber sagt "Is ja gut. Ich habs ja jetzt." überschreitet er mehrfach. Er schwadroniert, pikiert sich über Alltägliches und das recht flau. "Da kann man mehr rausholen." würden Lehrer sagen. Bis auf die Story des jungen Mannes der in die Tropen fährt (Kracher s. o.) ist "Blackbox" eine langweilige Selbstdarstellung.

Das schlechteste Buch von Ihm - Langweilig!      1 von 5 Punkten
Seine Bücher haben mich alle (bis auf dieses) fasziniert, betroffen oder wenigstens konnte ich lachen. Bei diesem Werk, ist das Papier mehr wert als die Wörter die in diesem Buch. Die erste Geschichte "Herunterfahren" ist verwirrend geschrieben, aber dennoch nicht so langweilig zu lesen wie der Rest. Lediglich anstrengend, dass ist das richige Wort. Die zweite Geschichte "Vom Netz" hat Inhalt, berührt aber nicht so richtig. Da man sich mit diesem "Versager" in der Geschichte nicht richtig indentifizieren kann. Die Textgestaltung ist auch nicht förderlich um einen Leser wach zu halten. Aber seltsamerweise hat man am Ende der Geschichte ein Gefühl von Traurigkeit. Wenn man sich nun aber fragt warum man traurig ist oder was man da gerade gelesen hat, kann man nur mit den Schultern zucken und "ka" sagen. - Die vielleicht beste Geschichte des Buches. Die letzten 3 Geschichten (3 weitere würden noch folgen) die ich mir noch angetan habe, sind sehr langweilig. Ich könnte mir ne Tierdoku über das Paarungsverhalten von Wattwürmern 10 mal angucken und würde diese Doku besser finden, als das was in diesen Kapiteln steht. Ich habe somit das Buch aber nur zu einem Drittel gelesen. Den Rest...lesen..eher nicht. Mal gucken ob ich jemanden das Buch andrehen kann. Ich werde wohl nicht den Nerv haben mich nochmals so herrlich zu langweilen. Schade 9 Euro für die Katz'. Also auf keinen Fall zu empfehlen.

Verboten langweilig      1 von 5 Punkten
Alles.In.Diesem.Stil.Geschreien.GÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHHHHHHHHHNNNNNNNNNN.
Viel mehr kann man zu diesem Buch eigentlich auch nicht sagen, nur, dass es wahnsinnig langweilig und wirr ist. Im Großen und Ganzen mag ich Popliteratur, aber das ist wirklich Zeitverschwendung vom Feinsten.

Ich habe es nicht ganz gelesen, es war zu langweilig.      1 von 5 Punkten
Jeder darf schreiben, sollte es aber nicht unter allen umständen tun. Das ist mein Resumee nach halber Lektüre. Nichts gegen Benjamin, mir gefielen einige Romane sehr gut und ich fand sie sehr kurzweilig. Doch was soll dieses Buch? Unerwartete Systemfehler? Damit kann Benjamin wohl nur den Ideenausfall während des Schreibens gemeint haben: Inhaltslose Geschichten, in denen zusammenhangslos Situationen aufgereiht werden (auch innerhalb der einzelnen Geschichten). Selten hat mich ein Buch mehr angeödet. Wer sein Glück versuchen möchte, ich tausche das Buch gerne. Egal wogegen.

Immer wieder vom Feinsten      5 von 5 Punkten
Ein Buch von BvSB wieder einmal über ihn selbst. Na und? Solange er das in seiner bekannten Art und deshalb so gekonnt verpackt, soll es mir sehr recht sein. Ich habe dieses Buch (wie auch alle seine anderen Bücher) als Genuss empfunden. Der Mann kann schreiben worüber er will, seine Sprache lässt weder Ideenreichtum noch Schönheit vermissen, weder Gerechtigkeitssinn noch menschliche Wärme. All das treffe ich in seinen Büchern an, weshalb "Popliterat" oder "Dandy" keine erschöpfende Bezeichnung für BvSB sein kann. Seine ganz persönliche Art Texte ohne ersichtlichen Grund miteinander zu verbinden, finde ich ausgesprochen erquickend. In BLACK BOX nun wurde der Computer als Metapher benutzt, sehr originell. Wenn ich überhaupt etwas zu bemeckern hätte, dann die Geschichte über Essstörung, weil mich das Thema an sich nicht interessiert. Aber wo kommen wir denn hin, wenn ein Autor sich nach den Wünschen seiner Leser richtet?


 Weitere Lesermeinungen


Die Erhörung - Thomas LehrDie Erhörung
Thomas Lehr

Taschenbuch, September 2000
     Verkaufsrang: 369563     

Bei Amazon direkt z.Zt. nicht lieferbar,   Bei anderem Anbieter bestellen



Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 5.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 1 Bewertung)

Der Großvater und sein Enkel      5 von 5 Punkten
Es ist schon betörend eindringlich und auch recht eigentlich schön, wie hier geschrieben wird. Und was zu Papier gebracht wurde, läßt auf einiges in Zukunft noch hoffen. Da mag man sich auf weiteres gefasst machen. Das Leben als solches in diesem unserem Lande ist immer beschreibenswert. Vor und nach der Wende insbesondere. Als Jugendlicher, Herwachsender und auch als Erwachsener gibt es ja doch einiges auszustehen, um nicht zu sagen auszusitzen. Beruhigend ist, daß auch auf politische Probleme eingegangen wird und auf Menschliches allemal. So ist ein großes Werk enstanden, das man versucht ist als durchaus modern zu betiteln (ohne es zu betutteln), denn mit der Postmoderne hat es wohl nicht viel im Sinn, weil es recht eigentlich verständlich gehalten ist. Sehr schön, daß es keine zu penetranten oder aufgezwungenen Passagen gibt, wie ab und an bei den Jungen wohl so üblich (Sibylle Berg). Aber damit will ich auch schon schließen , nicht ohne zu verhehlen, daß auch gelegentliche erotische Schmankerl recht eigentlich ganz lieb sind, besonders wenn sie so schön dezent versaut sind . Aber: nicht weitersagen !


UC: Ultrachronos - Helmut KrausserUC: Ultrachronos
Helmut Krausser

Taschenbuch, September 2003
     Verkaufsrang: 267003      Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden

Preis: € 9,90 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

Helmut Kraussers Romane strotzen nur so vor Fantasie. Das war bei Fette Welt so und zuletzt bei der Schmerznovelle, um nur die beiden besten herauszugreifen. Und bei UC ist das nicht anders. Das heißt: Diesmal hat sich Krausser, was die Fantastik anbelangt, wirklich selbst übertroffen. Vielleicht hat er es sogar ein klein wenig übertrieben.

Doch der Reihe nach. Worum geht es? Ganz vordergründig um einen Mord. Zwei Dekaden sind seit dem Abitur vergangen, da wird zum Klassentreffen gebeten, und alle kommen hin. Nur eine der ehemaligen Mitschülerinnen kann nicht an der Feier teilnehmen. Sie wurde damals in der Nacht nach einer Klassenfeier ermordet. Und zwar, wie sich nun nach mehr als 20 Jahren plötzlich heraus zu kristallisieren scheint, vom Icherzähler, einem mittlerweile äußerst erfolgreichen und reich verheirateten Dirigenten. Der allerdings kann sich nicht im Geringsten an diesen Mord erinnern, dessen auf der bloßen Möglichkeit beruhende Notwendigkeit ihm erst ein Schriftsteller vor Augen führen muss, in dessen neuem Buch (dem Buch nämlich, von dem hier die Rede ist!) er eine der Hauptrollen spielen soll.

Ein Kriminalstück also ist UC nur sehr an der Oberfläche. Eigentlich nämlich geht es um allerlei, sagen wir Esoterisches: UC, das steht für Ultrachronos, für eine Wahrnehmungsdimension, in die manche Sterbende vorstoßen und in der ihnen in Sekundenbruchteilen noch einmal ihr gesamtes Leben wie in einem Film vorgeführt wird. Arndt, so der Name des Icherzählers, erlebt den Ultrachronos aber nicht erst im Moment des Sterbens. Er verfügt über ihn vielmehr gleichsam wie eine Gabe und er kann, wie sich herausstellt, zwischen den parallelen Universen des Möglichen und des Wirklichen herüber- und hinübergleiten, ohne dass man immer so genau wüsste, in welchem der beiden man sich gerade befindet.

Helmut Krausser ist einmal mehr eine intelligent verschachtelte Geschichte gelungen. Vielleicht nicht jedermanns Sache: Ein wenig arg konstruiert wirkt das Ganze hier und da schon. Aber das ist alles eine Frage des Geschmacks. Ebenso wie die mal mehr (eine schöne Idee etwa ist der Wake-up-Service des Club Desirée in Paris) mal weniger erquicklichen erotischen Passagen. Wir jedenfalls hatten unseren Spaß. --Hasso Greb

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 16 Bewertungen)

Durchwachsen      5 von 5 Punkten
Treffende inhaltliche Überlegungen und Deutungen finden sich in den anderen Rezensionen, egal ob sie jetzt gut oder schlecht sind, mehr als genug. Ich möchte nur hinzufügen, dass dies in meinen Augen ein sehr gelungener Roman war, dessen einzige Schwachstelle imho das Seminar des Schriftstellers war, weil es gar zu esoterisch war. Andrerseits sollen ja auch die weniger physikbewanderten mobilen Kohlenstoffeinheiten, zu denen ja auch ich mich zähle, etwas davon haben...
Was ich gegenüber meinen Vorschreibern anzubieten habe sind ein paar Vergleiche mit anderen Werken, eigentlich alles Filme, um Interessenten (die diese Filme gesehen haben) die Entscheidung dieses Werk zu lesen zu erleichtern:
Ultrachronos liegt irgendwo in der Mitte zwischen Donnie Darko, Mullholland Drive und Picknick am Valentinstag (dem Film, nicht dem Buch, denn das Buch hat ein aufklärendes Ende, welches dann in eine völlig andere Richtung geht). Wer also besagte Filme kennt und sie mag, der kann bedenkenlos zugreifen...


 Weitere Lesermeinungen



Blitzeis - Peter StammBlitzeis
Peter Stamm

Gebundene Ausgabe, Dezember 1999
     Verkaufsrang: 335392      Gewöhnlich versandfertig in 4 bis 5 Tagen.

Preis: € 17,00 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

Nach seinem fulminanten und mehrfach ausgezeichnetem Debüt Agnes, einem vielschichtigen Roman über Identität, legt Peter Stamm einen schmalen Band mit neun Erzählungen nach. Seinem bewährten kurzen, knappen, lakonischen Stil bleibt er in seinen Stories treu. Die Sätze sind bis aufs Skelett abgemagert, da gibt es nicht ein Gramm einer überflüssigen Beschreibung.

Seine Themen sind die großen Sujets der Literatur: Einsamkeit, Krankheit, Tod. Sie spielen in der Schweiz, in Schweden und New York. Stamms Könnerschaft setzt ein, wenn es darum geht, alltägliche Kleinigkeiten genau zu beobachten, die, ohne daß er es explizit erwähnt, zu den großen, oft tödlichen Konsequenzen im Leben eines Einzelnen führen.

In der Geschichte "Am Eisweiher" treffen sich eine Gruppe Jugendlicher, um abends baden zu gehen. Stefanie hat eine Fahrradpanne und ihr hilfsbereiter Freund Urs radelt noch einmal ins Dorf zurück, um die nötigen Werkzeuge für die Reparatur zu holen. Währenddessen vergnügt sich die Schöne mit einem anderen Jungen beim Schwimmen. Es wird dunkel. Die beiden Schwimmer ziehen sich ins Bootshaus zurück und sind nicht erfreut, als Urs plötzlich auch am Bootshaus auftaucht. Keiner von ihnen sagt wenige Stunden später der Polizei, warum der Junge völlig kopflos in den See gesprungen ist, ohne an die Pfähle im Wasser zu denken, die sie alle aus ihrer Kindheit kennen.

Der Reiz: Bei Peter Stamm bleibt immer ein wesentlicher Teil der Handlung unter der Oberfläche seiner Geschichten verborgen, er läßt ihnen und dem Leser ihr Geheimnis. --Manuela Haselberger

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 13 Bewertungen)

Das ist es!!      5 von 5 Punkten
In den letzten Jahren wurden viele Autoren von Erzählungen hoch gepriesen: Judith Hermann, Julia Frank, Jenny Erpenbeck... und dann natürlich noch Peter Stamm, der als einziger niemals enttäuscht. Wenn man sich einmal damit abgefunden hat, dass da einer schreibt, als sei er ein Zeitgenosse von Carson McCullers und Ernest Hemingway, dann stellt man fest, dass Peter Stamm die klassische Kurzgeschichte perfekt beherrscht. In knapper, schmuckloser Sprache ohne jede Manierismen präsentiert Stamm seine Momentaufnahmen aus unserer Zeit. Verblüffend ist dabei, wie gut die klassische Form zum völlig gegenwärtigen Inhalt passt: Ruderurlaub in Schweden, Praktikum in New York - was sie halt so tun, die Angehörigen der Generation Golf. Durch meist ganz unspektakuläre Wendungen macht Stamm seine Szenen unvergesslich; meistens ist das ziemlich melancholisch, aber das sind ja fast alle guten Bücher. - Besonders hoch rechne ich es Peter Stamm an, dass er nie lügt: Um seine Geschichten interessant zu machen, braucht er keine originellen Unwahrscheinlichkeiten, denen man den Stolz des Autors anmerkt - und ihre Entstehung am Schreibtisch.

Ein außergewöhnliches, wunderbares Buch, mit dem man es auch dann versuchen sollte, wenn man meint, keine Erzählungen zu mögen. Es lohnt sich!!

 Weitere Lesermeinungen



Lichtenbergs Fall. Roman - Georg M. OswaldLichtenbergs Fall. Roman
Georg M. Oswald

Taschenbuch, August 2005
     Verkaufsrang: 344112      Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden

Preis: € 7,90 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

Lichtenbergs Fall beginnt mit seinem unaufhaltsam erscheinenden Aufstieg. Bereits als Neunzehnjähriger weiß er, wie man schnell an Frauen und Geld kommt. Seiner Karriere scheint nichts im Weg zu stehen. Doch Lichtenbergs aufwendiger Lebensstil hat seine Preis, er gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Was läge da näher, als seine reiche Schwiegermutter zu ermorden?

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 3 Bewertungen)

Ich halte dieses Buch für ganz ausgezeichnet!      5 von 5 Punkten
So würde Kanzler schon lange a.D. Helmut Schmidt es wohl formulieren.


 Weitere Lesermeinungen


Genealogie des Tötens - Reinhard JirglGenealogie des Tötens
Reinhard Jirgl

Taschenbuch, September 2002
     Verkaufsrang: 380781      Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden

Preis: € 28,00 (versandkostenfrei nach D, CH und A, , Versandbedingungen s.o.)
  In einen Einkaufswagen
  Bei Amazon weiterinformieren oder bestellen

Endlich erscheint Jirgls Trilogie aus dem Untergrund der letzten Jahre der Deutschen Demokratischen Republik. Jirgl, einer der bedeutendsten und unverwechselbarsten Romanciers unserer Zeit, schuf hier ein subversives Meisterwerk aus finsterer Zeit, das seinem Ruf als Meister der sprachmächtige Prosa voll gerecht wird.



Gottes Tochter - Friedrich AniGottes Tochter
Friedrich Ani

Gebundene Ausgabe, August 2003
     Verkaufsrang: 240243     

Bei Amazon direkt z.Zt. nicht lieferbar,   Bei anderem Anbieter bestellen

Süden macht sich mal wieder unbeliebt. Zu nachtschlafener Zeit trommelt der 44-jährige Hauptkommissar mit Besoldungsstufe A11 bekifft auf seinen Bongos herum und nervt seine Nachbarn. Überhaupt ist Süden (ebenfalls mal wieder) in einer Lebenskrise: "Er war Polizist", heißt es in Friedrich Anis Roman Gottes Tochter, "der aus Gründen diesen Beruf ergriffen hatte, die ihm heute seltsam und unbedeutend erschienen und ihn, wenn er in einer jener katastrophalen Nächte in seinem gelben Zimmer darüber nachdachte, zwangen sich zu fragen, warum er nicht seine Dienstwaffe, die er nie benutzte, aus der Schublade holte, den Lauf zwischen die Zähne steckte und abdrückte." Gut nur, dass Selbstmord für ihn keine Lösung ist.

Am Ende des Buches wird sich im Beisein Südens jemand anderes eine Waffe in den Mund stecken und sich erschießen, am Ende einer hoffnungslosen Liebe auch, die sich zwischen einem Mädchen aus München und einem Jungen aus Rostock -- beide mit dunkler Vergangenheit -- entsponnen hat. Wie Shakespeares Romeo und Julia können sie erst im Tod zusammenkommen, weshalb Ani nicht nur ein Motto aus eben jenem Drama für sein Buch gewählt, sondern seine Helden auch noch Rico und Julika genannt hat. Derart offensichtlich ist vieles, allzu vieles in Gottes Tochter. Was bei Shakespeare wirklich tragisch war, klingt in Anis Krimi häufig kitschig.

"Wir durften nicht leben und haben es dennoch getan", schreibt Julika zum Schluss in ihr Tagebuch. "Wir durften uns nicht kennen und sind uns dennoch begegnet. Wir sind erwachsen genug für den Tod." Davor aber hat Ani einen Plot um Schuld und Verstrickung gesetzt, der über weite Strecken nicht wirklich überzeugt. --Thomas Köster

Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.):
Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 9 Bewertungen)

Rico und Julika      5 von 5 Punkten
Liebesdrama, Krimi oder Gesellschaftsstudie

Desillusioniert klingt eine Stimme aus dem Lautsprecher. Offensichtlich traurig, an der Welt verzagt, gescheitert, ausgebrannt. Diese Stimme leiht Gert Heidenreich Tabor Süden in Friedrich Anis Psychothriller „Gottes Tochter“. Tabor Süden ist Polizeikommissar bei der Vermisstenstelle. Doch er ist weder typischer Beamter noch klassischer Kriminalliteratur-Kommissar, sondern zeichnet sich durch wesentlich weniger greifbare Charaktereigenschaften aus und hebt sich dadurch wohltuend von der Masse klischeehafter und standardisierter Ermittler ab. Ohne zu überziehen hat Friedrich Ani hier einen Protagonisten geschaffen, der an seiner Arbeit und seinem Leben verzweifelt ist, und trotzdem nicht aufgibt. Denn seine Schützlinge, die nichts von seiner Existenz wissen, verlassen sich auf ihn und seine Intuition, seine Fähigkeit, in Ausnahmesituationen das eigentlich Falsche zu tun und erreicht gerade dadurch oft sein Ziel

Sein neuer Fall ist nicht spektakulär und Bedarf eigentlich keines größeren Aufwandes, denn das vermisste Mädchen verschwand genau einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag. Und Volljährige dürfen auch ohne Einwilligung der Eltern verreisen und sind nicht gezwungen, diesen gegenüber Rechenschaft über ihren Aufenthaltsort abzulegen. Doch der Vater der verschwundenen Julika ist etwas anders gestrickt. Schon seit frühester Kindheit peinigt er seine Tochter mit einem Überwachungstick, lässt sie keine Sekunde aus den Augen und wenn sie zu Verabredungen außer Hauses geht, folgt er ihr mehr oder weniger heimlich. Als sie ihren ersten Freund hat und von diesem geküsst wird, beschimpft und bedroht ihr Vater diesen Jungen, solange, bis dieser völlig verschreckt den Kontakt zu seiner geliebten Tochter abbricht. Der Polizei hält er vor, nichts zu unternehmen und so schreckt er auch nicht davor zurück, in einer TV-Show aufzutreten und seine geliebte Tochter via Bildschirmpräsenz suchen zu lassen.

Auf tönenden Füssen

Während dieser Sequenzen springt Gert Heidenreich Ausdrucksweise intuitiv zwischen lautstarkem, brüllenden Vater, verzweifelter, demütiger Mutter und beschwichtigendem Polizisten hin und her und verstärkt durch seine verbale Präsenz die jeweiligen emotionalen Ebenen der Geschichte. Diese Art der Hervorhebung der relevanten Erzählebenen behält er konsequent über die gesamte Länge des Hörbuches bei. Dabei kommt es zu keinen qualitativen Schwankungen egal ob er rechtsgesinnte Halbstarke, alkoholabhängige Väter oder verzweifelte Mütter spielt. Besonders gut allerdings gelingt ihm die Hörbarmachung von Julika, Rico und Süden. Auch hierbei spielt es eine große Rolle, dass alle drei Figuren von ihren Wünschen und Träumen geleitet werden. Obwohl Süden vorgibt, dass er schon gar nicht mehr weiß, warum er diesen Job eigentlich noch macht, ist er beharrlich, folgt noch kleinsten Spuren, ja übertritt seine Kompetenzen und das Ganze nur deshalb, weil ihm seine Nase sagt, dass irgend etwas nicht stimmt, nicht schlüssig ist. Julika, naiv, genervt von ihrem psychotischen Vater, verliebt sich bei einem Kurztrip in Rico und flieht zu ihm nach Rostock, steht eines nachts überraschend vor der Tür der Wohnung seiner Mutter. Rico, verdattert aber erfreut, nimmt Julika auf, gegen den Willen der Mutter, die instinktiv eine Gefahr spürt, die für sie und ihren Sohn von Julika ausgeht.

Die Wende

In der Mutter-Sohn-Beziehung dominierte bisher die Mutter. Nachdem jedoch Julika Einzug gehalten hat, wandelt sich Rico. Bisher galt er im Freundeskreis als zuverlässiger Mitläufer, beinahe als Schwächling. Und auch bei seinem Arbeitgeber hat er keinen einfachen Stand, weil sein Meister ihn auf dem Kicker hat. Jetzt, als er zum Beschützer Julikas avanciert, ändert sich sein Verhalten. Er beginnt, für seine Meinung und Überzeugungen einzutreten und entwickelt gegenüber Julika einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Dies fällt zuerst der Mutter, dann seinen Freunden auf. Durch diese Verwandlung verlieren seine alten Kumpel ihre bisherige Macht über ihn. Dies wäre nicht weiter bedeutsam, gäbe es da nicht in ihrer gemeinsamen Vergangenheit einen dunklen Punkt. Friedrich Ani platziert seinen äußerst geschickt konstruierten Plot in die neuen Bundesländer. Diese Wende ist durchaus real als auch metaphorisch zu deuten und findet akustisch deutlichen Niederschlag in Gert Heidenreichs Rezitation der einzelnen Protagonisten. Nach dem Fall der Mauer und dem Verlust „eines Staates, der sich noch um seine Bürger kümmerte“, hat sich auch für Ricos Mutter alles verändert und sie muss nun in einem schlechtbezahlten Job aushalten, um sich und ihren Sohn über Wasser zu halten. Doch auch die Weltanschauung hat sich geändert nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Russlands und des Falls der Mauer.
Deutlich gemacht wird dies vom Autor am Beispiel der größten ausländerfeindlichen Ausschreitungen im Nachkriegsdeutschland im August 1992, an denen im Roman auch Juri, Rico und noch einige andere Jugendliche beteiligt waren. Doch wird bis zuletzt nicht erzählt, was damals genau geschah. Und auch Süden vollzieht eine innere Kehrtwende, kniet sich in den Fall, der eigentlich kein Fall ist, wendet sich gegen seine Kollegen und setzt alles daran, Rico und Julika zu beschützen, auch unter Umgehung der Dienstvorschriften.

Nicht von ungefähr erinnert der Plot an Shakespeares Romeo und Julia, hier in der West-Ostdeutschen Version Rico und Julika. Doch erfreulicherweise sind die Gemeinsamkeiten, bis auf wenige, wenn auch plakative Ausnahmen, gering und so harrt der Hörer atemlos und mit gespitzten Ohren vor den Lautsprechern oder Kopfhörern, um sich nur ja nicht ein Wort von dem brillanten Vortrag Gert Heidenreichs entgehen zu lassen. Doch ob sich Friedrich Ani dem tragischen Ende von Shakespeare anschließt oder eine eigene, wie auch immer geartete Variante geschaffen hat, müssen sie sich schon selber anhören.

Fazit: Was als Romanze beginnt, endet als Psychothriller par excellence. Gert Heidenreich bringt die Kopfhörer zum Klingeln mit seiner verhalten-aggressiv-poetischen Vortragsweise und macht aus diesem Hörbuch ein Highlight des Hörbuchmarktes. Das ganz entfernt Shakespeares Romeo und Julia Pate gestanden hat, macht sich nicht negativ bemerkbar.

 Weitere Lesermeinungen



Vorige SeiteSeiten:
 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11  12  13 14 15 16 17 18 19 
Nächste Seite