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| Junge Literatur | Inhaltsangaben Kurzbeschreibungen Zusammenfassungen | |
Niemand lacht rückwärts Kathrin Röggla Broschiert, Juli 2003 Verkaufsrang: 516330 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Kathrin Röggla erzählt mit lakonischem Witz von unserem Leben und dem, was es sein könnte. Sie beleuchtet scharf unsere alltäglichen Sehnsüchte, Verwirrungen und Illusionen. Wortgewaltig arrangiert sie Großstadtszenarien, die unsere Gegenwart glasklar widerspiegeln.
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Wir schlafen nicht Kathrin Röggla Gebundene Ausgabe, März 2004 Verkaufsrang: 341251 Sie werden in der Literatur oft als plakative Feindbilder abgehandelt, jene Manager und Unternehmensberater, die schon mal im Dienste der Gewinnmaximierung tausende Arbeitsplätze wegrationalisieren, so etwa in Rolf Hochhuths viel diskutiertem Stück McKinsey kommt. Kathrin Röggla richtet nun ihre Aufmerksamkeit auf die Menschen selbst und ihre Befindlichkeiten in einer Arbeitswelt, in der Leistung als Fetisch schlechthin gilt. Ergebnis ihrer literarischen Feldforschung, in deren Verlauf die Autorin "consultants, coaches, key account managerinnen, programmierer, praktikanten usw." interviewte, ist ein fast ausschließlich aus indirekter Rede bestehender Text, der aus ironischer Distanz die Lebenshaltung von Arbeitsjunkies durchmisst. Ort des Geschehens, oder vielmehr Geredes, ist eine Messe, und der hier besonders spürbare Stress -- "all das short-sleeping, quick-eating und diese ganzen nummern" -- spiegelt sich in den überdrehten Berichten der Protagonisten. Getrieben scheinen sie alle zu sein: ob nun "die praktikantin", die Schwierigkeiten des Berufseinstiegs beklagt, oder "der partner" gebetsmühlenartig von "harter bwl" und der Notwendigkeit von Entlassungen schwadroniert. Und wenn der "senior associate" über den mit Anglizismen angereicherten Berufsjargon reflektiert und meint, "auch er finde es ganz schön absurd, das ganze wording" kommt die latente Komik zum Vorschein, die dem auf bloßes Funktionieren reduzierten Welt- und Selbstbild innewohnt. Die Belustigung kippt freilich schnell in leises Grauen, wenn etwa die "key account managerin" die Totenstille ihres Handys als Bild der eigenen Unlebendigkeit begreift. Kathrin Röggla hat schon in ihrem Berlin-Roman Irres Wetter ein genaues Gehör für Idiome und ihnen zu Grunde liegende Mentalitäten bewiesen, und die Gabe, sie in hochbrisante Literatur zu transformieren. Auch wir schlafen nicht überzeugt vor allem durch die formale Virtuosität, mit der aus den phrasenhaften sprachlichen Leerläufen der Karrieristen ein vor innerer Spannung und Überspanntheit vibrierendes Textgebäude komponiert wird: eine subtile Gruselgeschichte, von Gespenstern in Business-Kluft über sich selbst erzählt. --Mathis Zojer
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 9 Bewertungen)
... 5 von 5 Punkten Dieser Veröffentlichung liegen Gespräche mit Consultants, Coaches, Keyaccount-ManagerInnen, Programmierer und anderer Berufsgruppen zugrunde. Unternehmensberater, Online-Redakteure oder Keyaccount-ManagerInnen - sie schlafen nicht! Denn denselben geht es um Organisation, um Content, um Kommunikation und vor allem um die eigene Identität. Wo sie standen, wurden sie von der Autorin befragt bzw. in ein Gespräch „verwickelt", damit sie so reden: Reden über ihr Leben mit der Droge Arbeit, über Hierarchien, über Erfolg und Privatleben. „Sie hat diese Gespräche zu einem fiktiven Kosmos verwoben, der zugleich fremd und erschreckend vertraut erscheint." Der Interview-Blick liest sich bestechend scharf und portraitiert Menschen, von denen gesagt wird, sie gestalteten die Gegenwart. Erfrischend aufrichtig, zum Teil wahlverwandt und in allem so treffgenau nachgezeichnet, dass das Gemeinte sofort erkennbar wird. Zahlreicher Stoff zum Nachdenken wird nachgereicht, zum Überprüfen seiner Selbstverwirklichung, Absichten und Stärken und als Wünschelrute zur Ermittlung des eigenen Ichs.Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis: - aufmerksamkeit - positionierung - life-Style - privatleben - aussprechen dürfen (der Partner) - politikbesuch (der Partner) - ausreden (die online-Redakteurin) - das gerät (der partner und der senior-associate) - auszeit nehmen - schock-exit-szenarium - streik - wiederbelebung Für die erew BIBLIO-KOM Dr. Karl-J. Kluge
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Die Wüste Lop Nor Raoul Schrott Gebundene Ausgabe, August 2000 Verkaufsrang: 701508
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 5.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 2 Bewertungen)
Die Erfindung der eigenen Geometrie 5 von 5 Punkten Roul Schrotts Novelle "Die Wüste Lop Nor" kennzeichnet eine Verschlossenheit, die durchbrochen werden will.
Einerseits ist es die Verschlossenheit der Sprache, deren Bilder herausstechen aber nie für Klarheit sorgen; da ist die Verschlossenheit der Hauptpersonen, Raoul Loupers und seiner drei früheren Freundinnen, und zuletzt die Verschlossenheit der Orte und Gegenden, in die sich Raoul Louper aufmacht, um die Gesänge der Dünen zu sammeln und ihnen durch Assoziationen nahe zu kommen. Doch jeder Ort, jeder Mensch und auch die Sprache an sich bleibt unvollständig und schafft es nur mit Mühe etwas Fehlendes zu verschleiern. Es geht so weit, dass selbst der formale Aufbau des Buches, die Kapitel und Seiten weite Stellen frei lassen, als wolle Raum geboten werden für weitere Einfälle.
Auch der Leser wird von den nie eindeutigen, unkonkreten, geradezu rätselhaften Formulierungen in die Irre geleitet. Auch er ist ähnlich wie Roul Louper selbst bestrebt diese Geschichte zu ordnen und damit den Kreis zu schließen, ein Ganzes daraus zu machen.
Dabei bleibt jedoch der Erzähler stets im Dunkeln. Mal hält man ihn nur für EINEN Freund, dann aber entpuppen sich auch andere Stimmen des Erzählers als hätte sich hier eine Sammlung aus verschiedensten Einträgen der Weggefährten Loupers gebündelt. Auch an eine Aufteilung Loupers in alternative Egos könnte man denken.
Die Wirkung erzielt der Reisebericht Schrotts besonders durch die Bildgewalt und stechendscharfen Ausdrücke, die zwar durch ihren Tiefsinn und durch die Kargheit wieder sehr vielbedeutend sein können, allerdings in sprachlicher Schönheit und mit poetischen Zügen auftreten.
Faszinierend und nachdenklich geschrieben, stellt die Geschichte die Suche nach archaischen Klängen und Gefühlen dar, ebenso das Kunststück aus den übriggebliebenen Erinnerungen an ein Leben (den Erinnerungsstücken) einen Sinn abzuleiten.
Für Raoul gleicht die Wahrnehmung den Trugbildern in der Wüste, auch der Leser wird (mit Absicht) an vielen Stellen des dünnen Buches irritiert. In der Rekapitulation der Ereignisse versinkt Raoul, mittlerweile Bewohner einer Mietwohnung in der Nähe von Alexandria, in der er wie ein Exilant haust, in seiner Lebens- und Liebensgeschichte wie in dem sagenumwobenen Treibsand für den u.a. auch der Titel, die Wüste Lop Nor, in der Novelle steht. Während die Geschichte rein formal den Kreisschluss schafft, das Thema des Anfangs am Ende wieder aufgegriffen wird, müssen wir uns Raoul Louper wohl als jemanden vorstellen, der weiterhin angestrengt seine Welt zu verstehen versucht.
Verloren und Gefunden 5 von 5 Punkten Wenn man mehrere Tage und Nächte verreist war, zurückgekehrt ist und alles ausgepackt hat, findet sich drei Tage später die Seele ein. War das Reiseziel eine Wüste, kann es sein, dass ein Teil der Seele einfach dort geblieben ist. Auf der Suche danach bin ich über den Englischen Patienten und die Schwimmer in der Wüste auf Raoul Schrotts "Die Wüste Lop Nor" gestoßen und habe in seinem Buch zumindest die Idee dessen gefunden, was ich in der Sahara verloren habe. Egal, wo man es aufschlägt, der Sand ist überall. Die Geschichten darin erscheinen zum einen durch den Ich-Erzähler, bzw. den Freund Raoul greifbar nah wie eine Fata Morgana, dann aber wieder so fern, dass die Bilder genug Dimensionen bieten für eigenes. Mit diesem Fehlen jeglicher "Betroffenheitspoesie" hat er der Wüste den Raum gegeben, den sie braucht, geradezu fordert, damit sie überhaupt anfängt, sich selbst zu erzählen. |
33 Augenblicke des Glücks: Aus den abenteuerlichen Aufzeichnungen der Deutschen in Piter Ingo Schulze Gebundene Ausgabe, Oktober 2003 Verkaufsrang: 620092 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Die einzelnen Episoden dieses im besten Sinne elektischen Bandes erzählen von einer Stadt, die Generationen von Schriftstellern, Künstlern, Musikern - und Lesern - fasziniert hat. Einer Stadt, wo aus jedem Kanaldeckel die Geschichte hervorzuquellen und jede Mauer von einer frischen Patina überzogen scheint. Doch trotz dieser alles überlagernden Pracht des Vergänglichen, das nie vergeht - oder gerade ihretwegen -, eignet sich 'Piter' vorzüglich als...
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 6 Bewertungen)
Ein fantastisches Debüt 5 von 5 Punkten Berühmt geworden (zu Recht!) ist Ingo Schulze durch das Erzählungsbuch "Simple Storys" und seinen Wende-Roman "Neue Leben". Aber mein Favorit ist nach wie vor sein erstes Buch mit dem poetischen Titel "33 Augenblicke des Glücks". ("Handy", sein viertes Buch, steht noch auf meiner Leseliste.)
Schon in seinem Debüt von 1995 weiß Ingo Schulze zu begeistern. Es enthält traumhaft schöne, zum Teil höchst fantastische Geschichten aus Sankt Petersburg. Jede dieser kurzen Geschichten ist ein "Augenblick des Glücks". Die Stadt an der Newa ist die fabelhafte Kulisse für Schulzes mit Witz und voller Poesie erzählte Fantasiestücke, die manchmal an den Romantiker E.T.A. Hoffmann erinnern, aber auch von der russischen Literatur inspiriert sind.
"Vor einem Jahr erfüllte ich mir einen langgehegten Wunsch und fuhr mit der Bahn nach Petersburg." Der Beginn des Buches stimmt mit Ingo Schulzes Leben überein, wie der Autor in einem Rückblick auf sein Debüt erzählt hat ("Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt", herausgegeben von Renatus Deckert). Auch die Veröffentlichung seiner Geschichten war für den Autor ein "Augenblick des Glücks". Er schreibt: "Beinah genauso wichtig wie der Beginn des Schreibens war dann jener Augenblick, in dem ich im Verlag saß und meine spätere Lektorin mich nach einer halben Stunde Plauderei fragte: Wären Sie denn bereit, uns das Manuskript anzuvertrauen? Ich weiß nicht, wie ich in diesem Moment aussah. Ich weiß nur, dass ich beinah laut losgelacht hätte, weil ich selbst kurz davor gewesen war zu fragen: Wären Sie denn unter Umständen bereit, sich dieses Manuskripts anzunehmen?"
Damit war der Schriftsteller Ingo Schulze geboren!
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Sex II Sibylle Berg Gebundene Ausgabe, 1998 Verkaufsrang: 618298
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 34 Bewertungen)
Berg eben 5 von 5 Punkten Wie man durch die sehr unterschiedlich ausfallenden Rezensionen schon erahnen kann - Berg ist nicht für jedermann.
Wie schon "ein paar Leute suchen das Glück", gibt mir dieses Buch Mut. In einer mit rosa Lack bemalten Welt, in der Kleidung und Geld mehr zählt als Zwischenmenschlichkeit; in der nur wirklich wichtig ist, was in den Medien landet und jeder ein Leben eines SOAP-Stars führen möchte, bringt mich das Buch zurück auf den Boden der Tatsachen. Menschen sind menschlich, das zeigt mir Frau Berg.
Geschichten gegen den Wahnsinn 5 von 5 Punkten Was sich über dieses Buch KURZ sagen läßt, ohne literaturtheoretisch (oder anderweitig albern) zu werden, ist: Es enthält Geschichten gegen den Wahnsinn.
Entweder man haßt sie oder man liebt sie!!! 5 von 5 Punkten Und ich liebe Sibylle Berg, natürlich sind ihre Figuren übertrieben dargestellt, natürlich sind sie manchmal Klischees, aber das ist z.T. doch einfach auch Absicht. Und alle, die sich so furchtbar aufregen, sollen sich Dan Brown und Paolo Coelho kaufen, ich finde Bergs Stil aufregend und erfrischend. Sibylle Berg ist Kult, genauso wie André Pilz, und da können sich noch so viele das Maul über sie zerreißen, die, die sie lieben, sind ihr treu und warten gespannt auf ihr nächstes Werk. "Sex II" jedenfalls ist schon älter, aber eines ihrer besten. Punkt!
Das ist kein Schmöker! 4 von 5 Punkten Wer sich an Sybille Berg wagt, sollte sich vorab schon mal ein dickes Fell zulegen. Anscheinend haben hier einige noch nicht ganz verstanden, das auch das Schreiben eine Kunst ist und jeder eine andere Auffassung davon hat. Ich finde, das Frau Berg ein bitterbösen Humor besitzt, den sie still und heimlich in dieses Buch einfließen lässt. Dieser Roman zeigt eine Welt, wie sie leider klarer und deutlicher nicht existieren könnte, er spielt mit dem Gedanken, wie es wäre, hinter die Fassaden und Köpfe anderer Menschen zu sehen. Wem geht es nicht so? Und ist es nicht besser, doch nicht alles zu wissen? Jeden Tag können wir in Zeitung, Nachrichten im Radio oder im Fernsehen sehen, bei denen wir immer weiter abstumpfen oder es gar als normal empfinden, uns eine nach der anderen Schreckensmeldung rein zu ziehen, das Menschen sich gegenseitig abschlachten, Kinder entführen und vergewaltigen oder andere schlimme Phantasien entwickelt werden. Die Heldin in dem Buch geht genau durch diese Welt, nur das alles in geballter Ladung in ihrer Stadt auf sie zukommt, so ungeschmickt und ungeschönt, wie es keiner gerne hören mag, aber so ist es nunmal, die Welt ist schlecht und die Menschen die darin wohnen, ebenso. Das will der Dichter damit sagen, ist meine Meinung. Wer also ab und an mal wieder einen Blick hinter die Kulissen wagen möchte, wer sich ins Gedächtnis rufen möchte, was sonst so in der Welt los ist, wie es den nachbarn vielleicht geht oder wer einfach das Gefühl hat, zu gut gelaunt zu sein, wer an Fassaden kratzen möchte, wer sich ekeln und gruseln möchte, der sollte dieses Buch lesen. Ein Buch für absolute Nicht-Romantiker, Realisten, Pessimisten. Man muss sich schon auf Sybille Berg einlassen und auf einiges gefasst machen, wenn man eines ihrer Bücher in die Hand nimmt. Ich gebe nur vier Sterne, weil die Schreibweise sehr gewöhnungsbedürftig ist, und man so anfänglich leicht den Zusammenhang auf Grund falscher Betonung verlieren kann, aber man gewöhnt sich daran und hetzt durch das Buch, wie die Heldin.
Der textliche "soundtrack" zum Weltuntergang 3 von 5 Punkten Was für ein Text. Ich gebe drei Sterne. Schreiben Kann S. Berg, das steht außer Frage, nur warum setzt sie es in einem immer wiederkehrenden Thema um: Dem Menschlichen Elende? Das Werk, soweit ich das überschauen kann ist von tiefsten Schopenhauerschem Pessimismus geprägt und zieht einen zeitweilig in seinen Bann. Dann aber nach 120 Seiten fragt sich der Leser warum er immer noch Sachen lesen muss wie "*otze zunähen" "zigarre in Augen ausdrücken". Apropros "zunähen", spätestens da kommt die Parallele zu Bukowski, der sich auch immer im Kreis dreht, nur hat Buk Humor und den hat S. Berg anscheinend nicht. Wenn man sich das Foto der Autorin anschaut wundert einen auch nicht was im Text von "Sex 2" zelebriert wird: Der Abschaum, die Depression der Wahnsinn die Gewalt, kurz: die Hölle auf Erden. Aber immer wieder blitzt das Genie der Autorin auf: Sie schafft es auf 2 Seiten Porträts von Menschen in einer kurzen Satzfolge zu kreieren. Aber das reicht nicht für 5 Sterne. Wer mies drauf ist und besser drauf kommen will, liest Bukowski, wer mies drauf ist und noch mieser drauf sein will liest "Sex 2"
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Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär Walter Moers Taschenbuch, November 2005 Verkaufsrang: 488515 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Seemannsgarn vom Feinsten: ein Feuerwerk bäriger Ideen Daß Walter Moers mehr als das Kleine Arschloch zeichnen kann, hat er längst bewiesen. Sogar in den Sprechblasen ist er hervorragend ohne Worte ausgekommen, als der Pinguin zweimal klopfte. Und nun sein erster Roman: Eine genial dicke Schwarte von 720 Seiten, in der ein Geistesblitz den nächsten jagt. Grün und gelb möchte man vor Neid werden: Wo hat der Mann bloß die vielen Ideen her? In seinen dreizehneinhalb Leben begegnet der Blaubär gehässigen Stollentrollen, unangenehmen Nattifftoffen, quasselnden Tratschwellen, durch die Wüste ziehenden Gimpeln, dem Wahnsinn, Fredda, der Berghutze -- eine Figur skurriler als die andere. Ab und an illustriert der Zeichner Moers die Gestalten des Erzählers Moers, ein Glücksfall natürlich, aber im Vordergrund steht der Text, unerschütterlich. Und hier entfaltet sich in vollen Zügen, was der eine oder andere bereits geahnt haben mag: Moers ist ein begnadeter, ironischer Erzähler. Mit wieviel Sprachwitz er arbeitet, wie er an Ausdrücken feilt, Begegnungen verschachtelt komponiert, Satzrhythmen herstellt und wieder auflöst, das nötigt Respekt ab. Und man freut sich über die irrwitzigen Inhalte der Abenteuer. Ob er mit dem Rettungssaurier Mac als Navigator fliegt, eine Fata Morgana am Wüstenboden verklebt, durch Dimensionslöcher stürzt oder sich ein Duell mit dem Lügengladiator liefert: die Spannung bleibt ungebrochen (außer beim sechsten Kapitel), die unzähligen Geschichten sind unglaublich. Münchhausen entpuppt sich als blutiger Lehrling im Vergleich zu Moers. Auch wenn sich beim Lesen gelegentlich Assoziationen zu Texten von Michael Ende oder Janosch einstellen mögen: Der Roman ist kein Kinderbuch, sondern nachdenklich machende (haben Sie schon mal über eine Tornado-Haltestelle nachgedacht?) Literatur, die bestens unterhält. Das vielgesuchte Leichte, das so schwer zu machen ist: hier ist es. --Sophie Thoma
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 216 Bewertungen)
Wirklich... 5 von 5 Punkten ein sehr nettes, humorvolles Buch. :)
Ich habe es verliehen und nie wieder zurück bekommen, zieht wahrscheinlich so seine Runden.
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Die Nacht der Könige Stefan Beuse Taschenbuch, Juni 2003 Verkaufsrang: 537842 Heute ein König. Während die Werbewirtschaft seit Monaten tief in der Flaute steckt und verwöhnte Besserverdienende bei H&M statt bei Gucci und Prada einkaufen müssen, haben Bücher Konjunktur, die in der schicken Welt der Agenturen spielen. Kreative, die es sich leisten können, steigen aus, legen Baby- oder Buchpausen ein: So erreichten uns in der letzten Saison etwa der Insider-Report des französischen Ex-Werbetexters Frédéric Beigbeder (Neununddreißigneunzig) oder die Romane von Rainer Merkel (Das Jahr der Wunder) und Joachim Bessing (Wir Maschine). Auch die Benutzeroberfläche von Stefan Beuses Psychothriller entführt uns in das Milieu der Photoshop- und Flash-Arbeiter: Jakob Winter, Texter der Agentur Oswald & Bell, will seiner Familie in die Sommerfrische folgen, muss sich jedoch noch um die Werbekampagne für ein Klimatechnikunternehmen kümmern. Was, trotz siebenstelligem Etat, zunächst wie ein Routineauftrag wirkt, entwickelt sich für Winter zu einem Horrortrip in die eigene Vergangenheit. Kryptische Informationen lassen ahnen, dass den Firmenchef Korff und dessen junge Assistentin Lilly mehr mit Winter verbindet, als diesem lieb ist. Die Nacht der Könige ist der dunkle Fleck im Leben des Enddreißigers, eine Nacht, an die er sich nur schemenhaft erinnern kann, von der jedoch noch immer eine Bedrohung auszugehen scheint: Ein teures Management-Seminar, in dessen Verlauf Moral- und Wertvorstellungen der Teilnehmer manipulativ aufgeweicht wurden, um an deren Stelle die hemmungslose Entfaltung des eigenen Egos zu setzen -- frei nach der Lehre des Psycho-Gurus Alistair Crowley: "Tu, was Du willst!" Hat Winter, als ferngesteuertes Werkzeug fremden Willens, am Ende gar ein Verbrechen begangen? Dass Beuses Personal ein wenig schablonenhaft angelegt ist und der Autor mit plakativen Effekten nicht spart -- halbverweste Tauben und Risse in der Wand signalisieren: Achtung: Bedrohung! -- schmälert des Lesers Freude an dem solid gearbeiteten Thriller nicht. Er verfolgt, die Schale mit dem Knabberzeug und ein Pils in Reichweite, mit wohligem Schauder, wie sich Jakob Winter immer enger im Netz aus Panik und Paranoia verheddert. Wie gut, dass einem selbst so etwas nie und nimmer passieren könnte. --Niklas Feldtkamp
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 12 Bewertungen)
Das beste Buch des Jahres 5 von 5 Punkten "Die Nacht der Könige" ist ein Buch, das sich ganz schwer fassen oder beschreiben lässt. Zum Inhalt will ich nicht viel sagen, um das Geheimnis dieses genialen Romans nicht anzutasten. Ihr müsst es einfach selber lesen. Sonst verpasst ihr das genialste Buch des Jahres.
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Simple Storys. Sonderausgabe zum Welttag des Buches: Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz Ingo Schulze Gebundene Ausgabe, April 2002 Verkaufsrang: 577157 Gewöhnlich versandfertig in 4 bis 6 Tagen.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 27 Bewertungen)
Buntes, aber arg konstruiertes Mosaik, das blass bleibt 3 von 5 Punkten Zu Beginn dieses Romans von Ingo Schulze, der nur scheinbar aus 29 Geschichten besteht, in Wirklichkeit aber die Schicksale eines guten Dutzends ,Ossis' aus der ,Provinz' erzählt , fällt es durch die Vielzahl der kurz hintereinander eingeführten Personen schwer, Zusammenhänge zu begreifen oder gar einen roten Faden zu finden. Im ersten Drittel des Buches treten pro ,Short Story' bis zu 10 neue Protagonisten auf, deren Beziehungen zueinander erst zum Ende hin nachvollziehbar werden.
Verstärkt wird die anfängliche Verwirrung noch durch den stark stilisierten Stil Schulzes, der Situationen und Umgebungen meist nur wie Regieanweisungen skizziert und dann auf Dialoge anstelle von Schilderungen setzt: Wichtige Ereignisse wie der Unfalltod einer Radlerin oder die Stasi-Vergangenheit eines Lehrers werden derart sparsam angedeutet, dass sie erst nach Variationen des Themas in anderen Geschichten ein klares Bild ergeben. Dagegen werden andere Personen recht zufällig eingeführt und ihr Schicksal bleibt unklar.
So weit, so kunstvoll bzw. konstruiert Schulzes Stil, der die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert. Gut gefallen hat mir dabei das schrittweise Ausbreiten der Entwicklungen und des Lebens der Protagonisten über circa 10 Jahre. Was leider auf der Strecke bleibt ist die Anschaulichkeit und damit der Effekt, den manche der Entwicklungen bei direkterer Beschreibung auf den Leser haben könnten. Solange man sich Geschehnisse nur zusammenreimen kann werden leider auch keine Emotionen und keine Botschaft transportiert. Es ,kommt also wenig rüber', salopp ausgedrückt: Weder vermittelt das Buch einen tieferen Einblick in die ostdeutschen Befindlichkeiten der 90er noch trägt es zum Verständnis der Hintergründe und Motive seiner Hauptpersonen bei. Es bleibt bei oberflächlichen Klischees über reiche Spekulanten aus dem Westen, Träume von der weiten Welt und Stasi-Vergangenheit. Für einen Schlüsselroman über die DDR scheint mir das zu wenig.
Frei 5 von 5 Punkten Es ist nicht das erste Mal, daß sich in der deutschen Literatur an einem kleinen Ort, das Zeitgeschehen spiegelt. In seinem beeindruckten Roman aus der ostdeutschen Provinz schaffte es Schulze den Aufbau der Kurzgeschichte so geschickt zu vernetzen, daß er zu einem größeren Bild zusammenwächst und uns eine Zustandbeschreibung der neuen Länder nach der Übernahme durch den Westen bietet. Allein schon die Reise nach Italien ist witzig und gleichzeitig scharf beobachtet. Schulze verliert dabei nie die Liebe zu seinen Figuren, er zeigt sie, wie sie sich zurechtzufinden in all dem Neuen, daß in vielem das Alte bleibt. Plötzlich ist man in Italien und dann? Plötzlich fällt die Mauer und dann?
Die Geschichten sind nur an der Oberfläche simple, ihre Tragik liegt in der Erkenntnis, daß die Dinge nun mal jetzt so sind, wie sie sind, und daß man sich darauf einzustellen hat. Freiheit endlich! Man würde sich freuen, wenn ein westdeutscher Ort zu demselben Zeitpunkt in der deutschen Geschichte, so klug und humorvoll als Mikrokosmos wiedergegeben würde.
All too simple stories 3 von 5 Punkten Schulze's "East German Novel" is certainly that, but to call it *the* East German novel, as some have done, is going too far. The overwhelmingly positive response to this book given in higher literary circles at the time of its release is, in my eyes, undue praise.
Schulze's critique of the West's impact on East German life is veiled to a degree that it requires some digging to extract. His characters are lackluster and do not stand out from one another, even when they narrate their own stories.
Some praise the monotonous and unexciting tone of the book as mirroring the reality of life in the former GDR. I think Schulze could have done the same thing with more individualized characters and without the stilted speech and utter lack of focus.
Simple storytelling that doesn't quite live up to expectations. 3 von 5 Punkten The title of Ingo Schulze's second novel may seem misleading to some readers, as Simple Storys is anything but simple. Set in the small East German town of Altenburg straight after reunification, Schulze's novel intricately links the lives of its characters through seemingly unconnected chapters. This added level of complexity sets the novel apart from its well-cited equivalent, Sherwood Anderson's Winesburg, Ohio. Unlike Anderson, Schulze's characters reflect the situation of a society trapped between the memory of Communism and the reality of 'western' democracy.
However the novel does stay true to its title through its straightforward precise language, which may ring true with fans of Raymond Carver. Schulze's stories feel more believable because of this; the reader will not agonise over his political agenda, simply enjoy the fact that Schulze is, through a series of intriguing narratives, depicting a society undergoing political change. His subtle narration of such fragmented events as a meeting between new lovers, the concealment of a painful secret, a trip to Italy and a car accident with a badger will leave the reader feeling an enthralling mix of optimism and sadness as the characters struggle to sort out their confused lives.
Yet Schulze attempts to use the group of characters alone as the glue which binds his stories together. In doing so readers may become aware that Schulze's great strength in using straightforward language is actually one of the novel's greatest weaknesses, as it does not allow for unique and identifiable protagonists throughout each story. At times it may become necessary to flick back through previous chapters to remind oneself of an earlier character. Of course, this wouldn't be a problem if Schulze's aim was to create a book of short stories, but his attempt is at 'ein Roman aus der ostdeutschen Provinz', and I am sorry to say that some readers may decide that this is not achieved in Simple Storys. Despite this, readers who have an interest in this period of German history will no doubt appreciate Schulze's insightful tales into the struggles of the individual in the aftermath of the GDR.
Allzu simple Geschichten 3 von 5 Punkten Ingo Schulze nennt sein zweites Buch "Simple Storys" und im Untertitel einen "Roman aus der ostdeutschen Provinz". Die meisten Geschichten spielen in Altenburg, eine in Berlin, eine andere in New York und zum Schluß verirrt man sich nach Stuttgart. Seine Geschichten bilden durch die handelnden Personen einen Zusammenhang, in immer neuer Mischung tauchen sie in den "Stories" auf. Leute lernen sich kennen, andere trennen sich, wieder andere sterben. Einige werden mit ihrer Vergangenheit nicht fertig, andere nicht mit ihrer Gegenwart. Die Geschichten sind in genau beobachtete und beschriebene Ereignisse eingebettet. Die Situationen sind echt, sie sind "mitten aus dem Leben gegriffen".
Nur sie sind so gut wie nicht typisch für die Ossis. Es sind allenfalls Geschichten aus der Provinz. Gut, der eine hat eine angebliche Stasi-Vergangenheit, was schließlich dazu führt, daß er seinen Lehrerberuf quittiert und in der Irrenanstalt endet oder zumindest eine Zeit dort verbringt. Gut, es werden manchmal geradezu genüßlich "West-Produkte" samt ihrer Werbeslogans zitiert, aber das kann es ja wohl nicht sein. Seine Figuren geben sich die Hände, eine Frau beschimpft die Konkurrentin als "Westtussi", irrt sich aber. Und zu guter Letzt bekommt einer der "Ossis", ein "Edel-Ossi", da ohne Anstellung mit seiner akademischen Ausbildung nach der Wende im Universitätsbetrieb nicht zurechtgekommen, verwitwet und sein Sohn bei der Schwägerin auf Dauer "geparkt", da bekommt dieser Mann von einem Schwaben ein Veilchen verpaßt. Ach du meine Güte, humorlos sind auch Ossis.
Die Geschichten sind meisterlich erzählt, die Dialoge geben die Sprache der neunziger Jahre unseres Jahrhunderts wieder. Aber das Buch hinterläßt trotzdem nur einen schalen Geschmack. Es ist nichts als simples Geschwätz, hohl und vertan. Das vielfältige Lob kann ich nicht teilen. Neidlos anerkennen muß ich seine Art, zu beschreiben, Details darzustellen; aber wer solche Talente besitzt, sollt sie nicht an so kümmerlichen Dingen verschwenden lassen.
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Hundsnächte Reinhard Jirgl Taschenbuch, Dezember 2001 Verkaufsrang: 609532 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Deutschland Mitte der neunziger Jahre. Im ehemaligen Grenzgebiet liegen die Reste eines schon zu DDR-Zeiten evakuierten Dorfes, das jetzt vollends verschwinden soll. Zu diesem Zweck rückt eine Abrißkolonne an, darunter ein ehemaliger Ingenieur. Vor Ort erfahren die Männer, daß in den Dorfruinen noch jemand haust: ein Mann, seit langem nicht mehr ansprechbar, der aber ununterbrochen schreibt. Eine Nacht bleibt dem Unbekannten noch zum Verschwinden, sonst soll er mit den Ruinen...
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 1 Bewertung)
Düster, apopkalyptisch, genial! 4 von 5 Punkten "Auferstanden aus Ruinen" - so begann einst die Nationalhymne der DDR. Von diesem Wiederaufbaupathos ist in Reinhard Jirgls neuem Roman (meiner Meinung nach einer der bedeutendsten der Nachwendezeit) nichts zu spüren. Er schildert das wiedervereinigte Deutschland als eine einzige Ruinenlandschaft. Geprägt von den beiden deutschen Diktaturen und gefangen in der Monotonie unserer Medien- und Konsumgesellschaft wanken die Protagonisten durch eine alptraumhafte Kulisse. Für sie hat die Wende nicht stattgefunden. Mittelpunkt des Romans ist - wie könnte es anders sein - eine Ruine auf dem ehemaligen Todesstreifen. In ihr vegetiert ein seltsamer "Untoter" langsam vor sich hin. Für die Bewohner des naheliegenden Dorfes ist er zu einem beunruhigenden Mythos geworden. Nun aber soll die Ruine einem Fahradweg weichen, der zur Belebung der Region über den Todesstreifen gebaut werden soll. Aus diesem Grund kommt die "Fremdenlegion", eine Abrißkolonne, in das Dorf. Beunruhigt durch die Warnungen der Dörfler zögert sie mit dem Abriß der Ruine. Unter den Bauarbeitern befindet sich auch der "Ingenieur", der nach der Wende seinen Beruf verlor und als Bauarbeiter in der "Fremdenlegion" anheuern mußte. Fasziniert von der Geschichte des "Untoten", dringt er in die Ruine ein. Ihn erwartet eine apokalyptische Athmosphäre aus Verwesungsgeruch, Fliegenschwärmen und Moder. Während er tiefer in die Ruine eindringt, beginnt ein schmerzlicher Prozeß des "Sich-Erinnern". Hier vermischen sich die Kindheitserinnerungen des Ingenieurs mit seinem langsamen Abstieg nach der Wende, durch den er seine Würde und seine Frau verlor. Und ein zweiter Handlungsstrang schiebt sich ein: Die Geschichte des "Untoten", ein ehemaliger Rechtsanwalt. Er floh aus der DDR in den Westen, zerbrach jedoch an seinem Beruf und kehrte schließlich nach der Wende nach Ost-Berlin zurück, um seine ehemalige Geliebte wiederzutreffen. Statt ihr begegnet er jedoch dem "Feisten", einem ehemaligen Stasi-Offizier, der nach der Wende Immobilienhai wurde. Als verdorbene "Mephisto-Figur" verführt er den Rechtsanwalt, bei einer Prostituierten am Prenzlauer Berg unterzukommen. Er wird dadurch zu einem Spielball in der Hand des "Feisten", dessen scheußliche Intrigen sich durch den gesamten Roman ziehen. Sie gipfeln in einer blutrünstigen Schlußszene, in der der Rechtsanwalt den "Feisten" inmitten einer Installation aus den Leichen seiner getöteten Opfer vorfindet. In einem langen Monolog bringt der "Feiste" seine Verachtung für die Verlogenheit der wiedervereinigten Gesellschaft zum Ausdruck, die es ihm ermöglicht, seine Verbrechen auch nach der Wende fortzuführen. Auch als der Rechtsanwalt den "Feisten" tötet, zeigt sich, daß diese Tat keine Erlösung für die Gesellschaft bedeutet. Während sich die Geschichten des Ingenieurs und des Rechtsanwaltes vermischen, vermengen sich auch ihre Identitäten der beiden Protagonisten. Sie werden schließlich zu einer Figur, einem "Untoten", der in seinem Leid nicht sterben kann. Die Trostlosigkeit und Enttäuschung über die "nicht stattgefundene" Wende scheinen sich in ihr widerzuspiegeln. Jirgls Roman ist beklemmend geschrieben, düster und apokalyptisch. Seine finstere Vision spannt sich von Architekturkritik bis zur Verdammung von DDR-Dikatur, Nachwendeküngeleien, Mediengesellschaft und Rassismus. Der Stil ist rasant und großartig, wenn auch teilweise zu patethisch und überladen. Auch das eine oder andere Klischee verärgert. Gewöhnungsbedürftig ist die Orthographie des Romans, die mit Zeichen und Symbolen (?, !, = etc.) und verschiedenen Schrifttypen spielt. Hier ist der Einfluß von Arno Schmid spürbar. Die Orthographie trägt jedoch zu dem suggestiven Stil dieses großartigen Buches bei. Auf diesen Stil muß man sich freilich einlassen, und ebenso auf den konsequenten Pessimismus Jirgls, durch den jeder Hoffnungsschimmer gründlich und nachhaltig zertrümmert wird. Wer dies tut und zudem keine Furcht hat, sich selbst in der verzerrten Vision Jirgls wiederzuerkennen, sollte dieses Buch lesen. Es lohnt sich! |
Vergesst mich Marcel Beyer Gebundene Ausgabe, März 2006 Verkaufsrang: 553806 Ein Mann und seine Freundin laufen unter dem klaren Novemberhimmel durchs Zentrum von Madrid: Uniformierte, Falangistenfahnen und Franco-Devotionalien erinnern an den soeben zu Ende gegangenen Aufmarsch. In Madrid aber kommt auch wieder das Bild eines Freundes vor Augen, und mit dem Bild eine Geschichte, »nachdem es mir gelungen war, eine Weile nicht an ihn zu denken«. Vergeßt mich ist eine Erzählung in Bildern und Fantasien, Erinnerungen an ein letztes Telefonat und wie hinterher gerufen: »Vergeßt mich, drei Silben, und aus weiter Ferne: Vergeßt mich.«
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 1.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 1 Bewertung)
in 45 min gelesen und die ganze Zeit gehofft, zu verstehen, worum es geht 1 von 5 Punkten Dieses Buch ist sehr kurz und sehr unverständlich geschrieben. Obwohl ich früher im Deutsch-Leistungskurs im Abi gar nicht so schlecht war und ganz gut im Interpretieren von Literatur bin. Habe ich den Inhalt und Sinn dieses Buches überhaupt nicht verstanden. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das Buch über zwei Männer oder über einen schizophrenen Mann handelt.
Dieses Buch ist wohl eher zum Lesen im Unterricht oder Literaturkreisen geeignet, wo man zusammen bzw. mit Anleitung vielleicht herausfindet, worum es in diesem Buch geht.
Aber vielleicht wollte der Autor auch einfach nur verwirren und einen fragenden unzufriedenen Leser zurücklassen. |
Killing Giesing Friedrich Ani Broschiert, 1996 Verkaufsrang: 630382 Drei ermordete CSU-Mitglieder an einem Tag! Die Staatsregierung, die Münchner Stadtoberen und selbstverständlich auch die Presse stehen Kopf. Aus Gründen der Freistaatsraison gilt es nun, der Gefahr, dass Neugierige einen Blick hinter die Fassade bayerischer Politik werfen könnten, entschlossen entgegenzutreten. Da ist es ganz praktisch, dass die Tochter des dritten Toten, eines einflussreichen Rechtsanwalts, verschwunden ist. Bevor es Hauptkommissar Benedikt Schwaiger...
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 2 Bewertungen)
Der frühe Ani läßt die Brillanz der nächsten Bücher ahnen 4 von 5 Punkten „Killing Giesing" ist der erste wirkliche Kriminalroman des Münchner Autors Friedrich Ani. Auf ihn aufmerksam geworden durch eine begeisterte Rezension in der „ZEIT", habe ich mir antiquarisch dieses Buch besorgt, mit der Absicht, diesen Autor mit der Zeit chronologisch zu entdecken.Das Buch spielt in München. Drei CSU-Mitglieder werden an einem Tag ermordet und Hauptkommissar Benedikt Schwaiger versucht Licht in die mafiose Struktur der verschiedenen „Amigo-Beziehungen" zwischen Parteiführung, Rathausspitze und der Staatsanwaltschaft zu bringen. Das Ende, das hier nicht verraten wird, überrascht dann nicht wirklich, denn der Sumpf bleibt, so wie im wirklichen Leben. Ein starkes Krimidebut, das Lust macht auf die nächsten Bücher.
Morde in der CDU 4 von 5 Punkten Ein typischer Ani. Auch diesmal bekommt die Politik und die Münchner Gesellschaft ihr Fett weg, ohne das Ani auf seinen melancholischen Unterton verzichtet, die seine Bücher auszeichnen. |
Indien. Land des kleinen Glücks Ilija Trojanow, Katrin Simon Gebundene Ausgabe, August 2006 Verkaufsrang: 514816 Der Versuch, Indien zu begreifen, beginnt bei den kleinen Dingen. Viele Jahre sind der Autor Ilja Trojanow und die Fotografin Katrin Simon durch den Subkontinent gereist, um die Vielfalt der Farben, Gefühle und Eindrücke eines faszinierenden Landes in diesem persönlichen Bildband festzuhalten.
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Abrauschen Kathrin Röggla Taschenbuch, Oktober 2001 Verkaufsrang: 102970 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Abrauschen - von Berlin-Neukölln nach Salzburg und wieder zurück. Frech und geistesgegenwärtig erzählt Kathrin Röggla von einer rasant-komische Reise durch die Großstadt, die Provinz, das Leben und die Sprache.
»Ein unentwegtes Crossover von Slang, Straßenstimmen, Wortspielen und Poesie. Die Sprache von Abrauschen ist schnell und gelenkig, beweglich genug, um die irrwitzig dahin- und durcheinanderschießenden Phänomene dieser 90er-Jahre-Welt...
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 1 Bewertung)
irgendwie hip, aber unbequem 3 von 5 Punkten Kathrin Röggla erzählt keine wirkliche Geschichte. Eine Inhaltsangabe kann nur daher nur skizzenhaft erfolgen: Eine junge, orientierungslose und gleichsam abgeklärte Frau aus Berlin fährt mit einem kleinen Jungen nach Salzburg, um dort ihr Erbe zu verwalten. Durch ihre Augen erfährt der Leser allerhand altägliches, nebensächliches, das erst durch Rögglas ungewöhnliche, bildhafte Sprache interessant wird. In seiner sprachlichen Stärke liegt gleichzeitig die Schwäche des Romans: nicht immer sind Rögglas Sprachspiele verständlich. Dafür klingt alles extrem hip, schnell, distanziert und berlin-typisch experimentell. Obwohl eher handlungsarm und zuweilen schwierig, ist das Buch dennoch lesenswert. |
Lautlos - Sein letzter Auftrag. Roman zum Film Stefan Beuse Broschiert, April 2004 Verkaufsrang: 605164 Viktor ist Auftragskiller und wird von der Polizei gejagt. Er verliebt sich in die geheimnisvolle Nina. Nina erlebt, dass ein Mann bereit ist, alles für sie zu tun. Und Viktor, dessen Leben vom Tod beherrscht wird, erfährt zum ersten Mal die Liebe. Ein packender Thriller und eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 1 Bewertung)
Verkriechen macht Monster 4 von 5 Punkten *"Du merkst sofort, wenn es die Richtige ist", hörte Viktor die Stimme seines Vaters. "Es ist die Einzige, die es schaffen wird, dich mit ins Meer zu nehmen. Der du gerne folgen wirst. Auch, wenn es deinen Tod bedeutet."* ---------- Viktor führt eine lautlose Existenz. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist er Profikiller. Keiner seiner Auftraggeber kennt sein Gesicht. Er benutzt jedes Mal eine andere Technik und hat keine Handschrift, an der man ihn erkennen könnte. Jeder Mord ist ein Unikat, ein Kunstwerk in Fleisch und Blut. Wochenlang studiert er seine Opfer, entwickelt einen Plan, baut eine Waffe. Dann schlägt er zu. Doch nun hat sich in Viktors Leben etwas verändert. Er hat einen Menschen verschont, den er vielleicht besser hätte töten sollen. Er ahnt, daß es ein Fehler war. Doch gleichzeitig hat er zum ersten Mal das Gefühl, einem Menschen das Leben geschenkt zu haben. Und nun glaubt er, für dieses Leben verantwortlich zu sein. Für Nina - die einzige Unbekannte in seiner Rechnung, den einzigen Zufall in einem vermeintlich perfekten Plan. So erzählt Stefan Beuses Roman eine so zarte wie spröde Liebesgeschichte von zwei Menschen, die im Niemandsland zwischen Leben und Tod gestrandet scheinen. Doch während die beiden einander näher kommen, ist die Polizei schon auf Viktors Spuren. In dem Profiler Lang, der genauso akribisch vorgeht wie er und über die Fähigkeit verfügt, sich in die Täter hineinzuversetzen, bis er sie besser kennt, als sie sich selbst kennen, erwächst ihm ein ebenbürtiger Gegner. Stefan Beuses Roman "Lautlos - Sein letzter Auftrag", der auf dem Film "Lautlos" beruht, lässt das Schicksal des Helden Viktor bis kurz vor Schluß offen. Und die Moral: Dass die Liebe und das Leben ganz und gar davon abhängen, wie stark zwei Menschen einander vertrauen. (Lars-Olav Beier, Drehbuch, & Mennan Yapo, Regie) Es grüßt - Reinhard Busse |
Simple Storys, lim. Sonderausgabe Ingo Schulze Taschenbuch, März 2005 Bei Amazon z.Zt. leider nicht lieferbar! |
Mit seinem lakonischen, gänzlich unpathetischen Stil an die Tradition der amerikanischen Short Story anknüpfend, erzählt Schulze scheinbar einfache Geschichten. Was den Bewohnern der ostthüringischen Kleinstadt Altenburg, eines in der DDR verfallenen architektontichen Kleinods inmitten von Uran- und Kohleabbau, in diesem 'Simplen Storys' widerfährt, erscheint auf den ersten Blick nicht weiter ungewöhnlich. Und doch offenbart sich in den vielen kleinen Alltagsbegebenheiten das Zusammenstürzen einer ganzen Welt, jener traumatische Bruch, der sich nach 1990 durch so viele ostdeutsche Biographien zieht. Und so zeichnet er völlig unsentimental die Hoffnung und Hilflosigkeit, die Irrungen und Wirrungen und vielen tragikomischen Situationen, mit denen die Bewohner der ehemaligen DDR tagtäglich konfrontiert werden - befreit von einer Mauer, die sowohl Tragödien zeitigte als auch Sicherheiten gewährte.
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Zigarettenroman Maxim Biller, Doris Dörrie, Wladimir Kaminer Sondereinband, Januar 2004 Verkaufsrang: 2038229 Bei Amazon z.Zt. leider nicht lieferbar! |
Mit je 10 Zigarettenromanen von Biller, Maxim / Dörrie, Doris / Kaminer, Wladimir / Krausser, Helmut / Westphalen, Joseph von. Box mit 50 Zigarettenhüllen. 5 Autoren schreiben je eine Geschichte zum Thema. In der Box enthalten sind je 10 Exemplare der einzelnen Stories.
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Autopol Ilija Trojanow, Rudolf Spindler Broschiert, Juli 2002 Verkaufsrang: 786434 Gewöhnlich versandfertig in 4 bis 5 Tagen. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Kriminelle, Leistungsverweigerer, Triebtäter, Atommüll, bakteriologisch kontaminiertes Material - also jede Form von -Sondermüll-, pausenlos in riesige LKWs auf dem Autobahnnetz zirkulieren, in einer geschlossenen Welt, in die man zwar hinein, aus der man aber nicht wieder herauskommt. Erfahrung kommt immer später, als man sie braucht. Wir Neuen hatten keine Ahnung, daß es Unterschiede zwischen den Kojen gibt, wie wichtig es ist, die richtige Koje zu ergattern. Die Umgeladenen besetzten sofort die hinteren Plätze, und die sollten sich bald als der gesündere Ort in der Hölle erweisen. Die Kojen schließen sich am Abend nach dem letzten Signal, so daß jeder abgetrennt ist und nachts nichts passieren kann, keiner wird im Schlaf erdrosselt, keiner während seiner Alpträume vergewaltigt. Autopol heißt dieses Ghetto der Außenseiter: ein Alptraum für alle, die darin leben müssen.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 2 Bewertungen)
Kurze aber gute Unterhaltung 4 von 5 Punkten Autopol ist ein kurzes Vergnügen. Die 184 Seiten sind sehr großzügig bedruckt, so dass das Buch eher für eine Bahnfahrt als einen Urlaub reicht. Die Aufmachung des Buches ist sehr seltsam. Viele der kurzen Artikel, die oft kaum zwei Seiten lang sind, werden mit undeutlichen, amorphen Fotografien untermalt, die vielleicht zum Text passen könnten.
Die Geschichte selbst handelt von einem vermeintlich sicheren System zur Aufbewahrung von menschlichem und chemischem Gefahrengut. Aus immer wieder wechselnden Perspektiven wird der Leser an das Autopol-System herangeführt. Die harte, über-realistische Geschichte spiegelt sich in der kantigen Sprache wieder. Mit abgehackten Sätzen, vielen Dialogen und einem eigenwilligen Gespräch-Gedanken-Mix wird ein Bild konstruiert, das - kaum scheint es vollständig - von der eigentlichen Handlung des Buchs schon wieder eingerissen wird. Der Protagonist inszeniert eine Revolte, die von den Medien als Keim genutzt wird, der dem System zum Verhängnis erwachsen kann.
Trotz der seltsamen Aufmachung ist das Buch den kurzen Lese-Ausflug durchaus wert.
Eine finstere Zukunftsvision 3 von 5 Punkten "Autopol" spielt im 21.Jahrhundert in Europa, allerdings ist Zeit und Ort in diesem Buch eher nebensächlich. Die Hauptperson dieser Geschichte ist Sten Rasin, ein Kämpfer gegen die bestehende Gesellschaft, der einmal zu oft erwischt und deshalb "deportiert wird - nach Autopol. Dieses Autopol ist eine Mischung aus Giftmüll - Endlager und perfektem Gefängnis, ein Ort also, der für alle notwendig ist, den die Leute jedoch gern aus ihrem Gedächtnis streichen würden. Sten Rasin jedoch bringt mit einer spektakulären Geiselnahme mit anschließender Flucht diese Halde für menschlichen und anderen Müll in die Medien und in die Köpfe der Menschen.Der sehr eigenwilligen Stil (fast nur direkte Rede) und der offene Schluss (viele Möglichkeiten werden eröffnet, deren Konsequenzen der Leser sich aber selbst ausmalen muß) machen dieses Buch über den Inhalt hinaus zu einem interessanten Lesevergnügen. |
Gottes Tochter Friedrich Ani Gebundene Ausgabe, August 2003 Verkaufsrang: 292586 Süden macht sich mal wieder unbeliebt. Zu nachtschlafener Zeit trommelt der 44-jährige Hauptkommissar mit Besoldungsstufe A11 bekifft auf seinen Bongos herum und nervt seine Nachbarn. Überhaupt ist Süden (ebenfalls mal wieder) in einer Lebenskrise: "Er war Polizist", heißt es in Friedrich Anis Roman Gottes Tochter, "der aus Gründen diesen Beruf ergriffen hatte, die ihm heute seltsam und unbedeutend erschienen und ihn, wenn er in einer jener katastrophalen Nächte in seinem gelben Zimmer darüber nachdachte, zwangen sich zu fragen, warum er nicht seine Dienstwaffe, die er nie benutzte, aus der Schublade holte, den Lauf zwischen die Zähne steckte und abdrückte." Gut nur, dass Selbstmord für ihn keine Lösung ist. Am Ende des Buches wird sich im Beisein Südens jemand anderes eine Waffe in den Mund stecken und sich erschießen, am Ende einer hoffnungslosen Liebe auch, die sich zwischen einem Mädchen aus München und einem Jungen aus Rostock -- beide mit dunkler Vergangenheit -- entsponnen hat. Wie Shakespeares Romeo und Julia können sie erst im Tod zusammenkommen, weshalb Ani nicht nur ein Motto aus eben jenem Drama für sein Buch gewählt, sondern seine Helden auch noch Rico und Julika genannt hat. Derart offensichtlich ist vieles, allzu vieles in Gottes Tochter. Was bei Shakespeare wirklich tragisch war, klingt in Anis Krimi häufig kitschig. "Wir durften nicht leben und haben es dennoch getan", schreibt Julika zum Schluss in ihr Tagebuch. "Wir durften uns nicht kennen und sind uns dennoch begegnet. Wir sind erwachsen genug für den Tod." Davor aber hat Ani einen Plot um Schuld und Verstrickung gesetzt, der über weite Strecken nicht wirklich überzeugt. --Thomas Köster
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 9 Bewertungen)
Rico und Julika 5 von 5 Punkten Liebesdrama, Krimi oder GesellschaftsstudieDesillusioniert klingt eine Stimme aus dem Lautsprecher. Offensichtlich traurig, an der Welt verzagt, gescheitert, ausgebrannt. Diese Stimme leiht Gert Heidenreich Tabor Süden in Friedrich Anis Psychothriller „Gottes Tochter“. Tabor Süden ist Polizeikommissar bei der Vermisstenstelle. Doch er ist weder typischer Beamter noch klassischer Kriminalliteratur-Kommissar, sondern zeichnet sich durch wesentlich weniger greifbare Charaktereigenschaften aus und hebt sich dadurch wohltuend von der Masse klischeehafter und standardisierter Ermittler ab. Ohne zu überziehen hat Friedrich Ani hier einen Protagonisten geschaffen, der an seiner Arbeit und seinem Leben verzweifelt ist, und trotzdem nicht aufgibt. Denn seine Schützlinge, die nichts von seiner Existenz wissen, verlassen sich auf ihn und seine Intuition, seine Fähigkeit, in Ausnahmesituationen das eigentlich Falsche zu tun und erreicht gerade dadurch oft sein Ziel Sein neuer Fall ist nicht spektakulär und Bedarf eigentlich keines größeren Aufwandes, denn das vermisste Mädchen verschwand genau einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag. Und Volljährige dürfen auch ohne Einwilligung der Eltern verreisen und sind nicht gezwungen, diesen gegenüber Rechenschaft über ihren Aufenthaltsort abzulegen. Doch der Vater der verschwundenen Julika ist etwas anders gestrickt. Schon seit frühester Kindheit peinigt er seine Tochter mit einem Überwachungstick, lässt sie keine Sekunde aus den Augen und wenn sie zu Verabredungen außer Hauses geht, folgt er ihr mehr oder weniger heimlich. Als sie ihren ersten Freund hat und von diesem geküsst wird, beschimpft und bedroht ihr Vater diesen Jungen, solange, bis dieser völlig verschreckt den Kontakt zu seiner geliebten Tochter abbricht. Der Polizei hält er vor, nichts zu unternehmen und so schreckt er auch nicht davor zurück, in einer TV-Show aufzutreten und seine geliebte Tochter via Bildschirmpräsenz suchen zu lassen. Auf tönenden Füssen Während dieser Sequenzen springt Gert Heidenreich Ausdrucksweise intuitiv zwischen lautstarkem, brüllenden Vater, verzweifelter, demütiger Mutter und beschwichtigendem Polizisten hin und her und verstärkt durch seine verbale Präsenz die jeweiligen emotionalen Ebenen der Geschichte. Diese Art der Hervorhebung der relevanten Erzählebenen behält er konsequent über die gesamte Länge des Hörbuches bei. Dabei kommt es zu keinen qualitativen Schwankungen egal ob er rechtsgesinnte Halbstarke, alkoholabhängige Väter oder verzweifelte Mütter spielt. Besonders gut allerdings gelingt ihm die Hörbarmachung von Julika, Rico und Süden. Auch hierbei spielt es eine große Rolle, dass alle drei Figuren von ihren Wünschen und Träumen geleitet werden. Obwohl Süden vorgibt, dass er schon gar nicht mehr weiß, warum er diesen Job eigentlich noch macht, ist er beharrlich, folgt noch kleinsten Spuren, ja übertritt seine Kompetenzen und das Ganze nur deshalb, weil ihm seine Nase sagt, dass irgend etwas nicht stimmt, nicht schlüssig ist. Julika, naiv, genervt von ihrem psychotischen Vater, verliebt sich bei einem Kurztrip in Rico und flieht zu ihm nach Rostock, steht eines nachts überraschend vor der Tür der Wohnung seiner Mutter. Rico, verdattert aber erfreut, nimmt Julika auf, gegen den Willen der Mutter, die instinktiv eine Gefahr spürt, die für sie und ihren Sohn von Julika ausgeht. Die Wende In der Mutter-Sohn-Beziehung dominierte bisher die Mutter. Nachdem jedoch Julika Einzug gehalten hat, wandelt sich Rico. Bisher galt er im Freundeskreis als zuverlässiger Mitläufer, beinahe als Schwächling. Und auch bei seinem Arbeitgeber hat er keinen einfachen Stand, weil sein Meister ihn auf dem Kicker hat. Jetzt, als er zum Beschützer Julikas avanciert, ändert sich sein Verhalten. Er beginnt, für seine Meinung und Überzeugungen einzutreten und entwickelt gegenüber Julika einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Dies fällt zuerst der Mutter, dann seinen Freunden auf. Durch diese Verwandlung verlieren seine alten Kumpel ihre bisherige Macht über ihn. Dies wäre nicht weiter bedeutsam, gäbe es da nicht in ihrer gemeinsamen Vergangenheit einen dunklen Punkt. Friedrich Ani platziert seinen äußerst geschickt konstruierten Plot in die neuen Bundesländer. Diese Wende ist durchaus real als auch metaphorisch zu deuten und findet akustisch deutlichen Niederschlag in Gert Heidenreichs Rezitation der einzelnen Protagonisten. Nach dem Fall der Mauer und dem Verlust „eines Staates, der sich noch um seine Bürger kümmerte“, hat sich auch für Ricos Mutter alles verändert und sie muss nun in einem schlechtbezahlten Job aushalten, um sich und ihren Sohn über Wasser zu halten. Doch auch die Weltanschauung hat sich geändert nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Russlands und des Falls der Mauer. Deutlich gemacht wird dies vom Autor am Beispiel der größten ausländerfeindlichen Ausschreitungen im Nachkriegsdeutschland im August 1992, an denen im Roman auch Juri, Rico und noch einige andere Jugendliche beteiligt waren. Doch wird bis zuletzt nicht erzählt, was damals genau geschah. Und auch Süden vollzieht eine innere Kehrtwende, kniet sich in den Fall, der eigentlich kein Fall ist, wendet sich gegen seine Kollegen und setzt alles daran, Rico und Julika zu beschützen, auch unter Umgehung der Dienstvorschriften. Nicht von ungefähr erinnert der Plot an Shakespeares Romeo und Julia, hier in der West-Ostdeutschen Version Rico und Julika. Doch erfreulicherweise sind die Gemeinsamkeiten, bis auf wenige, wenn auch plakative Ausnahmen, gering und so harrt der Hörer atemlos und mit gespitzten Ohren vor den Lautsprechern oder Kopfhörern, um sich nur ja nicht ein Wort von dem brillanten Vortrag Gert Heidenreichs entgehen zu lassen. Doch ob sich Friedrich Ani dem tragischen Ende von Shakespeare anschließt oder eine eigene, wie auch immer geartete Variante geschaffen hat, müssen sie sich schon selber anhören. Fazit: Was als Romanze beginnt, endet als Psychothriller par excellence. Gert Heidenreich bringt die Kopfhörer zum Klingeln mit seiner verhalten-aggressiv-poetischen Vortragsweise und macht aus diesem Hörbuch ein Highlight des Hörbuchmarktes. Das ganz entfernt Shakespeares Romeo und Julia Pate gestanden hat, macht sich nicht negativ bemerkbar.
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Spycher 2: Laudationes 2001-2005 Thomas Hettche Gebundene Ausgabe, August 2006 Verkaufsrang: 2199857 Gewöhnlich versandfertig in 4 bis 5 Tagen. Der Spycher: Literaturpreis Leuk zeichnet SchriftstellerInnen aus, die als Mittler zwischen den Sprachen und literarischen Formen agieren. Er besteht aus einem fünfjährigem Gastrecht in der Walliser Gemeinde Leuk und wird jährlich an zwei Autoren verliehen. Der Band versammelt alle Reden auf die bisherigen PreisträgerInnen: Andrea Köhler preist Durs Grünbein und Thomas Hettche, Christian Döring Lavinia Greenlaw und Michael Hofmann, Michael Maar Martin Mosebach, Marion Graf Daniel de Roulet, Roman Bucheli Marcel Beyer, Hubert Spiegel Felicitas Hoppe, Iso Camartin Barbara Honigmann und Dieter Bingel Adam Zagajewski.
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Ludwigs Tod Thomas Hettche Broschüre, 1988
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