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| Zeitgenössische Literatur | Inhaltsangaben Kurzbeschreibungen Zusammenfassungen | |
Brandung. Roman Martin Walser Taschenbuch, Januar 1987 Verkaufsrang: 138594 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Helmut Halm macht sich auf, endlich seiner Persönlichkeit Gewicht und Bedeutung zu verleihen. Doch auch an der kalifornischen Pazifikküste kommt alles anders, als er denkt. Mit Brandung ist Martin Walser ein ebenso intelligenter wie witziger Roman über die Sehnsucht nach mehr Leben gelungen, ein großes Buch, das - so die Neue Zürcher Zeitung - "lesesüchtig macht".
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 5 Bewertungen)
Brillanter Campus- und Eheroman 5 von 5 Punkten Brandung ist eines von Walsers erfolgreichsten Büchern, ein Campus- und Eheroman, der in Amerika spielt. Helmut Halm, ein Stuttgarter Lehrer Mitte 50, geht auf das Angebot eines Studienfreundes ein: Er nimmt sich vier Monate Auszeit, um als Gastdozent an einer kalifornischen Universität zu lehren. Frau und Tochter begleiten ihn. Beglückt vom kalifornischen Lebensgefühl, verliebt sich Halm in ein College-Girl. Halb beflügelt, halb bedrückt von dieser außerehelichen Gefühlsverwirrung, schwankt er zwischen Hoffnung, schlechtem Gewissen und der Angst vor einer Blamage. Vor allem aber ruft ihm die Liebe zu einer über 30 Jahre Jüngeren sein eigenes Altern und damit seine Sterblichkeit ins Bewusstsein. Lebbar ist diese Liebe nicht, mitteilbar höchstens auf dem Umweg über die Literatur. Schließlich passiert überhaupt nichts: Halm verharrt im Passiven, das große Drama bleibt aus. Damit erweist er sich vielleicht als feige, aber auch als zäh. Während sich um ihn herum Tragödien abspielen und der Tod mehrfachen Tribut fordert, bleibt der Antiheld genauso stabil wie seine Ehe. Walser gelingt mit Brandung ein meisterhaft komponierter Einblick voll milder Ironie in die Seelennöte eines Durchschnittsmannes.
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Der Teufel von Mailand Martin Suter Gebundene Ausgabe, Juli 2006 Verkaufsrang: 43472 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Der Teufel von Mailand ist geduldig. Weit oben im Schweizer Val Solitaria schenkt er dem Hirtenkind Ursina auf der Alp Dscheta einen fruchtbaren Sommer und damit gut genährte Ziegen. In einer staubigen Kutsche ist er ins Dorf gekommen und hat Ursina unvergleichliche Schönheit, ewige Jugend, Reichtum, Glück und ein Schloss mit hundert Fenstern und dreißig Türmen versprochen -- im Austausch gegen ihre Seele, versteht sich. Ursina willigt trotzdem ein, denn das Kleingedruckte klingt dem pragmatischen Mädchen allzu verführerisch. Er wolle sie erst holen, sagt der Teufel, wenn es im Sommer Herbst werde, Glut im Wasser brenne, es beim zwölften Schlag der Turmuhr tage, der Vogel zum Fisch und das Tier zum Menschen werde. Da kann, glaubt Ursina, nichts passieren. Und trotzdem, so unwahrscheinlich es auch klingen mag: Irgendwann treten all diese Ereignisse tatsächlich ein und Ursina muss in die Hölle. Wie sich die Rätsel auflösen, weiß die Physiotherapeutin Sonia lange Zeit nicht. Denn zwei Seiten der Sage, die sie zu Schmökern aus dem Bücherschrank für Gäste an ihrem neuen Arbeitsplatz, einem Hotel im Unterengadin, geholt hat, sind herausgerissen. Aus diesen fehlenden zwei Seiten hat Martin Suter einen ganzen, spannenden Roman gemacht. Denn in Der Teufel von Mailand spielt irgend jemand aus Sonias Umfeld die alte Sage nach. Eigentlich ist die junge Frau hierher gekommen, um die gescheiterte Ehe mit dem reichen Banker Frédéric Forster zu vergessen -- jetzt beginnt ein Alptraum, der schlimmer als die Scheidung ist. Nach einer Vergiftung verliert ein Baum im Sommer seine Blätter, Leuchtstäbe glühen im Hotelpool, jemand manipuliert die Kirchenuhr und Sonias Wellensittich Pavarotti landet im Aquarium. Sind es die mürrischen Dorfbewohner, die ihre Gegend touristenfrei halten und die Physiotherapeutin samt ihrer schönen Chefin vertreiben wollen? Oder hat ganz jemand anders ein Motiv? Und wer ist der geheimnisvolle Fremde, auf dessen dreckigen Wagen im Staub der Teufel von Mailand geschrieben steht? Das alles wird bis zum fulminanten, wahrhaft diabolischen Finale nicht ganz klar. So hält Der Teufel von Mailand bis zum Schluss die Spannung. Vielleicht sogar Suters bestes Buch. --Stefan Kellerer
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 67 Bewertungen)
Recht gut, ein wenig mehr Spannung wär noch drin 4 von 5 Punkten Ein weiterer Suter - ein weiteres Mal ein tolles schriftstellerisches Werk. Einzig die Spannung in diesem Buch könnte noch ein wenig erhöht sein.
Alles in Allem aber eine interessante, ideenreiche und doch auch spannende Geschichte die flott gelesen ist und einem bis zum Ende bei der Stange und neugierig hält.
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Der Herbst des Patriarchen Gabriel Garcia Marquez Broschiert, Februar 2004 Verkaufsrang: 92122 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Ungläubig betrachten die Untertanen eines Karibikstaates den toten Diktator in seinem Palast, in den bereits die Geier eingedrungen sind. Uralt ist er geworden, und schon einmal hat er seinen Tod nur vorgetäuscht, um am dritten Tag desto herrschsüchtiger wieder aufzuerstehen. Gabriel García Márquez erzählt von despotischer Willkür, aber auch von der Einsamkeit und Angst der Mächtigen. In der Figur des Patriarchen vereint er die Diktatoren Lateinamerikas der letzten 150 Jahre und schafft - in einer phantastischen Bilderflut - eine unerhörte Parabel über die Macht."García Márquez bleibt der nimmermüde, unerbittliche, satirische Chronist, ... er bleibt ein - gewiß sehr anspruchsvoller - Unterhalter, einer der größten, die es unter den lebenden Schriftstellern gibt." Tages-Anzeiger, Zürich
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 2 Bewertungen)
Nicht nur das Laub fällt 4 von 5 Punkten Nichts für ungeübte Leser. Der Roman steht wie ein Klotz da. Absatzlos, Sätze, die sich über Seiten ziehen, man kann leicht den Bogen verlieren und trotzdem zieht die Geschichte dieses alterslosen Diktators einen an, der tot in seinem verfallenen Palast gefunden wird. Wie in einem Alptraum vereint dieser Diktator die Geschichte totalitärer Regimes Südamerikas in sich. Man muß sich Vergangenheit wie Gegenwart erlesen, die Geschichte wird einem nicht auf dem Tablett episodenhaft serviert.
Es ist der gelungene Versuch eines Autors, die Geschichte seiner Kultur, der Politik seines Kontinents einen Ausdruck zu verleihen, der nicht schmackhaft auf der Zunge zergeht. Wer sich wirklich dafür interessiert, wie ein solcher Dikator aufsteigen, wie er fallen kann, muß hinsehen, zuhören, vor-, wie zurückblättern, sich Zeit nehmen. Márquez zwingt einen durch seine Form dazu. Und vielleicht bleibt dieser Roman am Ende deswegen länger haften als andere.
Ein literarischer Kampf 3 von 5 Punkten Obwohl ich doch eigentlich ein Freund von Marquez bin, ist dieses Buch eines seiner am schwerst zu lesenden... Wunderbar und schön geschrieben doch zum Ende hin doch eher ein Kampf. |
Ein Schwarm Regenbrachvögel - Gott fährt Fahrrad: Zwei Bestseller in einem Band Maarten 't Hart Broschiert, November 2006 Verkaufsrang: 24143 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden »Ein Schwarm Regenbrachvögel« ist die Biographie einer verletzten Seele: Als Wissenschaftler hat der dreißigjährige Martin bereits eine steile Karriere hinter sich, aber in Lebens- und Liebesdingen ist er seit dem Tod seiner geliebten Mutter stets gescheitert ... »Gott fährt Fahrrad« ist eine poetische Liebeserklärung: Maarten 't Hart zeichnet das Porträt seines kauzigen und bibelfesten Vaters, der als wortkarger Totengräber auf dem Friedhof seine Lebensaufgabe gefunden hat. Zwei meisterhafte Erinnerungsbücher des niederländischen Bestsellerautors in einem Band.
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Das Evangelium nach Jesus Christus Jose Saramago Taschenbuch, Oktober 1997 Verkaufsrang: 138671 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Saramagos Jesus ist sehr irdisch, klug, voller Fragen: Ist seine große Liebe zu Maria Magdalena verwerflich? Warum heben die Wunder, die er (übrigens wider Willen) vollbringen kann, den Tod nicht auf, sondern verschieben sein Eintreten nur? Und warum schlägt Gott die Versöhnung mit Luzifer aus? Fragen, auf die er nur sehr unzureichende Antworten bekommt. Jesus muß erkennen, daß sein Vater ein despotischer Gott mit einem unstillbaren Hunger nach Macht ist. Eine skandalöse neue Heilandsgeschichte, die nach dem Erscheinen im katholischen Portugal für heftige Debatten sorgte.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 9 Bewertungen)
Bewegend und anspruchsvoll 5 von 5 Punkten Ein ganz besonderes Buch. Die ersten Seiten musste ich auch als Vielleser durchaus anspruchsvoller Literatur bestimmt vier Mal lesen. Manch einen mögen die sehr langen Sätze und die vielen Kommas (als einzige Orientierung bei der direkten Rede) jedoch abschrecken. Das wäre jedoch sehr schade, denn diese Geschichte ist eine echte Bereicherung und es lohnt, darüber nachzusinnen. Die ganz andere Jesusgeschichte, von Herzen und mit Phantasie. In diesem Buch steckt viel Wahrheit. Einer der besten Romane, die ich kenne.
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Alberta empfängt einen Liebhaber Birgit Vanderbeke Taschenbuch, Oktober 2000 Verkaufsrang: 12734 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Der Roman von Birgit Vanderbeke besteht eigentlich aus zwei Romanen: aus einer Erzählung über die Liebe, dem literarischen Thema par excellence, und aus einer Rahmenhandlung über die Entstehung dieser Erzählung. Da aber auch diese Rahmenhandlung im Grunde eine Liebesgeschichte ist, erscheinen die beiden Erzählebenen in geradezu perfekter Symmetrie einander zugeordnet. Im abgezirkelten Rahmen dieser fast schon klassizistisch anmutenden Gesamtkonstruktion läßt die Autorin ihre Figuren als Liebende agieren -- und schließlich das Scheitern ihrer Liebesbeziehungen bezeugen. Wie es dazu kommen konnte, wird mit dem ironischen Charme, aber auch mit der zwingenden Logik einer Marivaux-Komödie ausgeführt. Man liebt sich und kann dennoch auf Dauer nicht zueinander finden. Kein äußeres Hindernis türmt sich vor den Liebenden auf, keine Beziehungsdramen eskalieren und eigentlich mangelt es den Liebenden auch nicht am ehrlichen Willen, große,romanhafte Gefühle füreinander zu entwickeln. Und dennoch geht den großen Gefühlen auf dem Wege ihrer Realisierung irgendwie der Atem aus: schon der erste Kuß will nicht recht funktionieren, die Liebesreise endet in der Banalität eines Autobahngasthofes, das Treffen mit dem Geliebten entpuppt sich als simple Seitensprung-Affäre. Gelingen verspricht allenfalls der Roman, den die fiktive Erzählerin der Rahmenhandlung über das verhinderte Liebespaar Alberta und Nadan schreibt: als Abgesang auf die großen Liebesentwürfe der Weltliteratur, als platte Unmöglichkeit, das große Gefühl zum Zentrum einer biographischen Existenz zu erklären. Birgit Vanderbeke richtet ihren nüchternen Blick auf unsere Gegenwart, in der die großen Gefühle noch nicht einmal mehr als Strindbergsches Psychodrama oder Ingmar Bergmannsche Eheszenen auszuhalten sind. Aber, so läßt sie ihre Alberta fragen: haben es die Menschen überhaupt jemals ausgehalten mit sich selbst und ihren großen Gefühlen? Daß Alberta und Nadar nicht zueinander finden, ist eine gänzlich untragische Geschichte, ein kurzer Tatsachenbericht aus dem Protokoll ihres fiktiven Lebens, das auch ohne einander weitergehen wird. Empfehlenswert! --Dagmar Lorenz
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 11 Bewertungen)
Bittersüß 5 von 5 Punkten Ein großartiger Roman über das, was die Liebe ist. Tragik, Komik, Schmerzen, Erotik, Hass und vor allem die absolute Unmöglichkeit, irgendetwas zu erzwingen. Selbst das Durchbrennen der beiden Protagonisten muss minutiös geplant werden und sie scheitern doch kurz hinter Mannheim in einem deutschen Autobahnhotel, das Vanderbeke abolut treffend als leberwurstartig bezeichnet. Dieses Buch ist so passend, so treffend, so unglaublich furchtbar und absurd, dass es in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Alberta hat mich begeistert und seitdem auch beim dritten und vierten Lesen nicht enttäuscht. Sensationell!
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Paradies A. L. Kennedy Broschiert, September 2008 Verkaufsrang: 55250 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Irgendwo in meinem Herzen wusste ich, dass noch schlimmer genau das war, was ich verdiente. Hannah Luckrafts Leben, knapp 40 Jahre alt, dümpelt in ,beunruhigender Schieflage'. Je aussichtsloser die Situation für die Alkoholikerin, desto tiefer wird ihre Sehnsucht nach dem Paradies -- ein Roman der Spitzenklasse! Und das ist die Lektion des Lebens: Was voll ist, wird geleert werden. Hannah erwacht in einem Hotel, keine Ahnung und Erinnerung vom Wo, Wann oder Woher. Es passiert nicht viel in dem Roman, statt dessen lotet die Ich-Erzählerin ihre Seele aus: da gibt es tiefe Abstecher in die Kindheit und die Wehmut über das Ende eines behüteten Daseins, da ist die berufliche Aussichtslosigkeit, die Trauer, ständig aus den ,Kurven des Jetzt getragen zu werden' und die große innere Leere und Einsamkeit nach so vielen schrägen Typen. Doch dann lernt Hannah Robert kennen. Ungemein eindrucksvoll lässt A.L.Kennedy ihre Protagonistin ein trostloses und perspektivloses Leben schildern. Die Ehrlichkeit und Offenheit mit der dies geschieht imponiert zutiefst, die bedrückende Chancenlosigkeit berührt. Langsam, ohne große Handlung gerät der Leser mit in den Sog von "lebhaften 40 Prozent Vollkommenheit, folgt Hannah auf ihrem Weg der Selbstzerstörung. Wie es passiert ist immer eine lange Geschichte. A.L. Kennedy schreibt gnadenlos, das ist nicht der erste Roman, der ihre ausgefallene, kompromisslose und unkonventionelle Art dokumentiert. Mal krass, erbarmungslos, fast grob, dann wieder einfühlsam, zärtlich. Wunderbar sarkastisch zeichnet sie diese Hannah, witzig und brillant und pointiert denkend, dann wieder melancholisch und in depressive Aussichtslosigkeit verfallend. Genial erfasst die bizarren Stationen eines Alkoholikers, Rausch, Visionen, Alpträume, Filmrisse, diese unendliche Hilflosigkeit aller, die Hannah kennen und lieben ...direkt vor ihm steht dieses glatte, große, eiskalte, herrlich sexy Scheissglas Bier. Die sprachlichen und stilistischen Schattierungen des Romans sind ebenso vielschichtig wie die Phasen eines Trinkers. Das unerschöpflich scheinende Vokabular, die fast ergreifenden Schilderungen der Etappen zwischen Entzug und voller Dröhnung, Darstellungen bis hin zur Lautmalerei im Rausch machen den Roman zu einem ausgesprochen klugen und fesselnden, sinnlichen, aber auch bedrückenden Lesestoff. Geh, hol die Flasche. Und mein Glas.--Barbara Wegmann
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 5 Bewertungen)
Ein wunderbares Buch einer wahren "Seelenchirurgin" 5 von 5 Punkten Hannah Luckraft, die Heldin des Romans ist Alkoholikerin, 36 Jahre alt und trinkt seit Schulmädchenzeiten. Sie ist besonders sensibel, intelligent und hat irgendwann einmal begriffen, dass diese Welt ein Irrsinn ist den, man ohne Alkohol eigentlich gar nicht ertragen kann. Sie kommt aus keiner „Katastrophenfamilie“, hat ganz liebevolle Eltern, die sich mögen und die auch ihre Kinder lieben. Hannah trinkt eigentlich gegen diese Eltern und vor allem gegen die Mutter, die im Leben alles richtig macht. Sie ist gütig, doch die einzige Form von Liebe, die diesen Namen eigentlich verdient, ist die Sorge, die mütterliche Sorge. Hannah trinkt sich „das Hirn weich“, trinkt sich um den Verstand, sagt, ich habe ein goldenes Herz und wirft bei diesem Ausspruch eine Rollstuhlfahrerin aus dem Stuhl. Da spielt so ein „Güte-Grausamkeitsmoment“ hinein, denn sie sagt sich, das wird so wie so passieren, also lasse ich es passieren.Es sind die berufliche Ausweglosigkeit, die Wehmut über das Ende einer behüteten Kindheit, die Sehnsucht nach Freunden und Familie, schließlich die Sehnsucht nach dem Paradies. Das Hauptthema ist, wie kann ich existieren, ohne das ich mich betrinke, oder sonst einer anderen Sucht erliege? Man braucht ja einen Freund in dieser kalten Welt, an dem man sich wärmen kann. Und für Hannah ist eben der beste und verlässlichste Freund der Alkohol. Ihr Zustand ist dauerhaft und unheilbar. Der Rausch ist, wie Liebe, ein ästhetischer Zustand, ein Berauschungszustand. Und dann ist da auch immer wieder die Rede vom Tod. Die Protagonistin sagt einmal explizit:“ Trunkenheit ist die Gnade eines vorübergehenden Todes“. So beschert ihr der Alkoholismus ständig diesen kleinen Tod. Sie weiß ja genau, dass wenn sie trinkt, sie sich auch dem Tode näher trinkt, dem wirklichen Tod, nicht nur diesem kleinen Tod. Die Ehrlichkeit und Offenheit mit der Hannah ihr trostloses Leben schildert ist grandios. „Was voll ist, wird geleert“, das klingt zunächst wie ein banaler Trinkerspruch, doch die Autorin macht klar, dieser Satz ist ein Spiegel des Lebens. es ist nicht nur ein Buch über Alkoholismus, sondern auch eines über unsere Existenz. Und A.L. Kennedy beschreibt dies mit einem Gestus, der nicht herablassend diskreditiert, sondern der Hannah als beseeltes, interessantes, bedrückendes, zärtliches, einfühlsames Individuum darstellt, dabei auch eine „Erkenntnisrelation“ zulässt,nämlich dass jemand da ist der sagt, ich erkenne dich und ich weiß noch was du willst. So lernt Hannah schließlich einen trinkenden Zahnarzt kennen, Robert, von dem man nicht weiß, ob er nun ihr Verderben oder ihr Retter sein kann. Oder ist es nur wieder eine neue Sucht, eine Liebessehnsucht? Sie kommen zusammen, verpassen sich dann aber immer wieder. Dieses Zusammenkommen ist ja nichts Finales, es ist keine wirkliche Liebesgeschichte, auch wenn Hannah die These vertritt, wenn ich mit diesem Mann leben will, dann muss ich auch mit ihm gemeinsam sterben und untergehen. Das alles ist verstörend schön geschrieben, wobei die Autorin, wie eine „Seelenchirurgin“ mit einer scharfen, einem Skalpell ähnlichen Sprache, nicht nur über den Alkohol sondern auch über die Lebenszumutungen schreibt. Und in gleicher Form schreibt sie nicht nur über den Rausch, sondern auch über diese Phasen der Trockenheit, die Passagen über die Nüchternheit, über die absolute Verzweiflung, die sie dann auf ihrem Weg der Selbstzerstörung überfällt, wenn sie nichts anzufangen weiß und dieser für sie beschissenen Welt hilflos ausgeliefert ist. Es ist ein gewaltiges Buch, abstrakt geschrieben, unglaublich gut recherchiert, sehr intelligent, ergreifend, so glitzernd und zärtlich, gewalttätig und sanft zugleich. Trotz aller Verzweiflung, Delirien, Grausamkeiten und Unappetitlichkeiten ist es wegen der wunderbaren Sprache kein deprimierendes Buch. Und zum Schluss gibt es dann auch in einem grausamen Delirium gewalttätige Szenen, die unter die Haut gehen und wobei man aufpassen muss, sich festhalten muss, dass man nicht wie die Figur selber auch in den Abgrund abstürzt. Es ist ein ausgesprochen obsessives Buch, eine epische Prosa, unerschöpflich in der Vielfalt der Sprachmöglichkeiten mit einer maximal differenzierten „Benutzeroberfläche“. Beeindruckend auch, wie die Autorin über die Sprache den Zustand der Sucht und die Berauschung zu duplizieren versteht, wie sie die Sprachregression im Vollrausch simuliert. Einer der schönsten Sätze im Buch, der mir ganz besonders unter die Haut ging, als Hannah über ihren Bruder sagte, „ Ich sah in seinen Augen, dass ich weinte, also weinte ich wohl.“
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Nachgetragene Liebe (Fiction, Poetry & Drama) Peter Härtling Taschenbuch, 1993 Verkaufsrang: 22949 Gewöhnlich versandfertig in 3 bis 6 Tagen. "Zwischen meiner Geburt (1933) und dem Tod meines Vaters lagen 12 Jahre. Es blieb uns wenig Zeit" schreibt Peter Härtling in dieser autobiographischen, zeitgeschichtlich aufschlußreichen Erzählung, die in seine Kindheit, Familie und Heimat zurückführt, um Gestalt und Wesensart des früh verstorbenen Vaters wiederzufinden. Was zu Lebzeiten nicht möglich war, wird hier - die Vergangenheit vergegenwärtigend - mit begreifender Liebe nachgetragen.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 2 Bewertungen)
Wie alter kä**! 4 von 5 Punkten Ok, ich muss zugeben, es war mein Fehler. Ich habe das Buch eigentlich gekauft weil ich hinter diesem Titel eine berührende Liebesgeschichte erwartet habe. Dies war jedoch leider nicht so. Es geht um eine vater - sohn beziehung zwischen den beiden weltkriegen und leider um keine romantische Liebesgeschichte. Dennoch versteht es Peter Härtling den Stoff gut rüber zu bringen, aber leider nicht meine Geschmacksrichtung.
... eine Sprache, die jetzt nicht stimmt, die gefährlich ist 5 von 5 Punkten „In unseren Köpfen sammelte sich Unrat; wir meinten, es sei die Welt.", schreibt der Autor zu dem was Hitlerdeutschland ihm in seiner Jugend vermittelte. Das Buch mit den Schilderungen eines zehnjährigen Jungen, der mit seiner Familie, aber insbesondere mit seinem Vater hadert, ist ergreifend. Während die Familie, akademisch gebildet und unbeeindruckt von der damaligen Propaganda, ein schweres Leben in Mähren führt, erfährt der Junge eine demagogische Gehirnwäsche in Schule und von gleichaltrigen Kameraden. Was kann es schöneres geben, als im Knabenalter Krieg zu spielen, ein Held zu sein und zu den Siegern zu gehören. Dies ist für einen jungen Heranwachsenden eine sehr große Versuchung. Die Entzweiung mit der Familie, in der es möglicherweise sogar Verschwörer gegen alles gibt, was ihm jetzt heilig ist, ist somit vorprogrammiert.Die Entfremdung des Kindes zum Vaters schmerzt nicht nur den Autor sehr. Besonders auch deshalb, weil der allzu frühe Tode des Vaters, eine Korrektur, eine Aufarbeitung nicht mehr zulässt. Deshalb kann es vermutlich zu diesem bemerkenswerten Buch. Eine Annäherung an einen Vater mit den Augen eines inzwischen erwachsen gewordenen Sohnes. Eines Sohnes, der die Welt nun aus dem richtigen Blickwinkel zu betrachten gelernt hat und der etwas sein möchte, was ein verführerisches System unterband, nämlich Sohn. |
Das Buch vom Lachen und Vergessen Milan Kundera Taschenbuch, Juni 2000 Verkaufsrang: 44124 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Tamina, eine junge Emigrantin, versucht nach dem Tod ihres Mannes, seine ersten Briefe aus dem okkupierten Prag nach Paris zu schaffen, um sich ihr verblassendes Glück wieder in Erinnerung zu rufen. Ein Prager Dissident versucht, die Briefe aus der Zeit seiner Liebe zu einer Kommunistin in die Hand zu bekommen, um sie zu vernichten, da sie ihn zu kompromittieren scheinen und sein Bild als Held des Widerstands zerstören. - Das Buch vom Lachen und Vergessen ist ein Rollen- und Vexierspiel der Figuren und Geschichten; ein Roman in Variationen, in dem Kundera von Menschen erzählt, die es wagen, sich dem Vergessen (in der Liebe und der Geschichte) zu widersetzen, und er tut dies mit einem Lachen und der ihm eigenen feinen Ironie. Hat, so fragt er dabei, die Geschichte einen Sinn, oder treibt sie mit den Menschen nur absurde Scherze, auf die das Lachen und das Vergessen die einzige Antwort sein können?»Milan Kundera ist nicht nur einer der besten lebenden Prosaisten, er ist auch ein meisterhafter Tiefenpsychologe, der die vertrackten Beziehungen zwischen Mann und Frau feinfühlig auslotet.«Wolfgang Kroener in der Rhein-ZeitungMilan Kundera, 1929 in Brünn/Tschechoslowakei geboren, ging 1975 ins Exil nach Frankreich, wo er seither lebt und publiziert. Sein Werk wurde in alle Weltsprachen übersetzt und mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet.Weitere Werke von Milan Kundera bei dtv
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 6 Bewertungen)
eindrucksvoll 5 von 5 Punkten Dies ist der sechste Roman Milan Kunderas, den ich gelesen habe und ich muss sagen, dass er für mich (noch vor "die unerträgliche Leichtigkeit des Seins") seinen Platz an erster Stelle redlich verdient hat. Herr Kundera versteht es, mit Witz und Poesie eine Geschichte zu erzählen, die von seiner tschechischen Heimat erzählt, dem Gefühl der Hilflosigkeit, aber auch von der Liebe. Meisterhaft und mit unglaublicher Leichtigkeit fließen die Worte, Sätze und Gedanken dieses Mannes aufs Papier und füllen Zeile für Zeile des Buches mit einzigartigen und wunderschönen Klängen. Man wird gefesselt und ist außer Stande, das Buch aus der Hand zu legen. Ich selbst finde nicht, dass das Buch schwer zu lesen ist. Zwar verwendet Kundera viele Fremdwörter, doch gerade das gefällt mir besonders gut. Möglicherweise erscheint es einem am Anfang nur ungewohnt, falls man diese Art von Literatur nicht gewohnt ist. Aber empfehlen würde ich dieses Buch wirklich jedem, der mal wieder ein fesselndes Buch lesen will, das einen zum Nachdenken und Eintauchen in Kunderas Welt einläd!!
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Golfträume John Updike Taschenbuch, Mai 2000 Verkaufsrang: 152976 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Wieviel Glück kann ein Verleger haben? Der legendäre Verleger des New Yorker, William Shawn, suchte einen Schriftsteller, der ein Buch über Golf rezensieren sollte -- und wendete sich an den Romanschriftsteller John Updike. Updike, der ein begeisterter Golfspieler ist, nahm den Auftrag erfreut an. Golfträume enthält unter anderem die Rezension von Michael Murphys Golf in the Kingdom -- aber auch Kurzgeschichten aus Golf Digest, The New York Times Book Review und anderen Publikationen. Auszüge aus Updikes klassischen Romanen wie z.B. "Three Rounds With Rabbit Angstrom" runden die Sammlung der 30 Geschichten ab.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 2 Bewertungen)
Für Golfträumer 5 von 5 Punkten Gerade das richtige Buch für die kalte Jahreszeit. Wenn man nicht auf den Platz kann, bietet dieses Buch eine grandiose Lektüre zu unserem Lieblingssport. Selten so gut amüsiert!
Golf ist anders 4 von 5 Punkten Seit Jahrzehnten beglückt John Updike uns Leser mit hochanalytischen Einblicken in das Leben, Lieben und Leiden der ostküsten-amerikanischen oberen Mittelschicht. Eigentlich nur ein logischer Schluss, dass jemand wie Updike, der diese Klasse so treffend beschreibt, sich selbst auch auf dem größten Heiligtum jener Klasse aufhält: dem Golfplatz. Updike spielt Golf und Updike liebt Golf. Jetzt hat Updike in "Golfträume" Kurzgeschichten, Artikel, Essays, Auszüge aus Romanen oder auch Vorwörter aus Turnierbroschüren aus nicht weniger als 40 Jahren zusammengetragen. Dabei bleibt er stets herrlich unprätentiös und - wie aus seinen Romanen und Erzählungen bekannt - voller (Selbst-)Ironie. Wer "Golfträume" liest, lernt zu vorderst eins: Golf ist vor allem eine Lebenseinstellung und Lebensaufgabe, an der jeder Golf-spielende vom ersten Abschlag bis zum letzten Put ständig an sich arbeiten muss und zwischen Hochgefühl und Schmach pendelt. Vor allem aber ist "Golfträume" eine Liebeserklärung an einen Sport, der hierzulande (leider) noch immer als Höhepunkt des gesellschaftlich Erreichbaren gilt. Und damit ein Schlag ins Gesicht all derer, die ihr eigenes Upper-Class-Getue in den obszön teuren Members Only-Clubs der feinen Hamburger, Düsseldorfer oder Münchner Vororte feiern und das unverstandene Buch ihren Spielpartnern zum Geburtstag schenken. |
Mein Herz so weiß. SPIEGEL-Edition Band 1 Javier Marias, Elke Wehr Gebundene Ausgabe, 14. August 2006 Verkaufsrang: 105083 Wenige Tage, nachdem sie von der Hochzeitsreise zurückgekehrt war, erschießt sich die frischverheiratete Frau im Badezimmer ihrer Eltern mit der Pistole des Vaters.Die Frau wäre Juans Tante gewesen -- oder auch nicht, denn wäre sie am Leben geblieben, hätte Ranz ihre Schwester nicht geheiratet, wäre Juan nicht geboren worden. Juan, der Ich-Erzähler, hat selbst gerade geheiratet. Ein leichtes Gefühl der Beklemmung lässt ihn nicht los, er empfindet -- bei aller Liebe zu seiner Frau -- doch den Zustand der Ehe als unnatürlich, die gemeinsame Wohnung als künstlich. Erst zu dieser Zeit erfährt er vom gewaltsamen Tod seiner Tante -- zuvor hatte er angenommen, sie wäre an einem Unfall gestorben. Auch ist plötzlich die Rede von einer dritten Frau, einem Aufenthalt seines Vaters in Kuba, der Juan nicht bekannt war. Auch wenn er die Geschichte nicht wirklich wissen will -- er weiß zuviel, um nicht auch den Rest wissen zu wollen... Ein unglaubliches, hervorragendes Buch! Marias erzählt mit einer Detailverliebtheit, die nicht mehr zu übertreffen ist. Eine Szene, die sich in wenigen Sekunden abspielt, beansprucht durchaus einmal 10 oder mehr Seiten, da nicht nur die Handlung, sondern jedes Minenspiel, jede Assoziation, die dadurch ausgelöst wird, beschrieben wird. Lange Zeit ahnt man auch nicht, wie der Erzähler den Bogen der Geschichte spannen wird -- wie er von dem Selbstmord über die Beobachtung einer Begegnung in Havanna, von der Ehe Juans und Louisas, ihrer ersten Begegnung wieder zur Ursache des Selbstmords zurückkehrt. Wenn man das Buch nicht nur einmal, sondern mehrmals liest, bemerkt man erst die unglaubliche Stimmigkeit. Jedes Detail, das beschrieben wird, stimmt auch 200 Seiten später noch, bezieht sich darauf. Marias erzählt neben der eigentlichen Geschichte unzählige andere, Kleinigkeiten, Gedankengänge -- und schafft es trotzdem, den Leser nicht den Faden verlieren zu lassen. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher! --Daniela Ecker
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 3.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 71 Bewertungen)
hervorragendes Buch! 5 von 5 Punkten das buch zieht sprachlich so sehr in den bann, dass man nach einer kurzen eingewöhnung gar nicht mehr aufhören kann. die sprache kreist um handlungen und gedanken, eine sekunde wird oft endlos und mehrfach beschrieben, äußerlich und innerlich durch die gefühlswelt der hauptperson, des ich-erzählers juan. selbst die direkte rede wird von langen gedankengängen in klammern unterbrochen. die handlung läuft in einigen strängen zusammen, kleinigkeiten werden wesentlich und ergeben am schuß ein sehr stimmiges bild. die fragen um reden oder schweigen, schuld und treue lassen einen nach beendigung des buches nicht so schnell los...
stilistisch das interessanteste was ich in letzter zeit gelesen habe. hervorragend und absolut empfehlenswert! - aber achtung, keine leichte unterhaltung!
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Schwindel. Gefühle Winfried G. Sebald Taschenbuch, Juni 2005 Verkaufsrang: 78913 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Schwindelartige Gefühle der Irritation - in den vier durch wiederkehrende Motive und literarische Anspielungen kunstvoll miteinander verwobenen, geheimnisvollen Geschichten überkommen sie den Erzähler immer dann, wenn sich zwischen Erinnerung und Wirklichkeit eine bedrohliche Kluft auftut. Neben dem französischen Romancier Henri Beyle alias Stendhal ist es vor allem Franz Kafka, dem sich der Autor über die literarische Bewunderung hinaus verbunden fühlt und dessen ruheloser, lebendigtoter Jäger Gracchus durch alle vier Geschichten geistert. Es ist die Melancholie, die Sebald an diesen beiden Autoren interessiert und seinen eigenen Erfahrungen gegenüberstellt, denn wie der Erzähler selbst wurden auch Stendhal und Kafka von Eingebungen getrieben, von Träumen, Ahnungen und - »Schwindelgefühlen« geplagt.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 1 Bewertung)
wunderbare Schwindelgefühle 4 von 5 Punkten Die vier Erzählungen entführen den Leser in die eigenartig verwobenen Gedankenwelten des Autors. Die mäandernden, stets äußerst präzisen Sprachgebilde umschreiben Gefühle, Gedanken, Erinnerungen und seltsame Begebenheiten und Verstrickungen. Hier verwandelt sich das Alltäglich-Gewöhnliche in das Seltsam-Wunderbare, zum Teil in skurrile und fast unheimliche Situationen. Das Buch hält bis zur letzten Seite gefangen, obwohl die historisch angehauchten Erzählungen nicht uneingeschränkt mein Gefallen fanden. |
Ein Kapitel aus meinem Leben Barbara Honigmann Broschiert, August 2006 Verkaufsrang: 148661 Gewöhnlich versandfertig in 3 bis 6 Tagen. Ein Kapitel aus meinem Leben -- so nannte Barbara Honigmanns Mutter Lizzy Kohlmann ihre Zeit mit dem berühmten britischen Doppelagenten Kim Philby, mit dem sie in den dreißiger Jahren verheiratet war. Auf den einzigen Erinnerungsfotos, die die attraktive, aus Ungarn stammende Jüdin retten konnte, erscheint er als englischer Student mit Pfeife, very good looking. Und so wollte Kohlmann ihn offenbar auch im Gedächtnis halten. Über ihre Zeit mit Philby hat Lizzy Kohlmann der Öffentlichkeit nie etwas verraten wollen. Hartnäckig verweigerte sie Interviews, und erst als 80-Jährige erzählte sie ihrer Tochter Barbara davon: Nicht ohne Widersprüche übrigens, in die die schillernde Person sich immer wieder verstrickte. Honigmann hat jetzt aus diesem Lebenskapitel in der ihr unvergleichlichen Art ein großartiges Buch gemacht, das literarische Fiktion mit den immer wieder kritisch hinterfragten Fakten klug, sensibel und poetisch mischt -- und dabei das Widersprüchliche im Wesen der Mutter nicht verschweigt . Ich bin nirgendwo hingereist, hingefahren, hingegangen, sagt Honigmann. Habe keine Dokumente gesucht, gefunden, gesehen... Ich hätte es tun können, aber ich habe es nicht getan. Nach der faszinierten Lektüre weiß man als Leser: Es wäre auch gar nicht nötig gewesen. Nach Eine Liebe aus Nichts ist Ein Kapitel aus meinem Leben ein weiteres erzählerisches Wunderwerk der Autorin, das unbedingt Lust macht auf mehr. So bleibt zu hoffen, dass wir von Honigmann und ihrer Familie auch in Zukunft noch viel zu lesen bekommen. --Thomas Köster
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 5.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 1 Bewertung)
Fesselnd und fein! 5 von 5 Punkten Als „Ein Kapitel aus meinem Leben" bezeichnete Barbara Honigmanns Mutter Lizzy oder Litzy Kohlmann mit betontem Understatement die Zeit in den frühen dreißiger Jahren, in welcher Sie mit dem später weltberühmten britischen Geheimagenten Kim Philby verheiratet war. Philby arbeitete als sowjetischer Agent in England und flüchtete dann nach Moskau. Über ihre Zeit mit Philby hat die Mutter der Autorin der Öffentlichkeit nie etwas verraten. Selbst ihrer eigenen Tochter Barbara erzählt sie erst im hohen Alter von 80 Jahren davon, und das nicht ohne Widersprüche. Widersprüche, in die sich schillernde Person überhaupt immer wieder verstricktt hatte. Viele Fragen bleiben ganz offen, so dass es am Ende heißt, letztendlich wisse die Autorin nichts über dieses Kapitel im Leben ihrer Mutter, absolut nichts. Das, was Sie aber doch weiß, erzählt Barbara Honigmann in ruhiger und gleichzeitig fesselnden Sprache. Sie erzählt die Geschichte ihrer eigenen Mutter aus einer streng subjektiven Perspektive, Sie zeichnet ein bewegendes Porträt einer ungewöhnlichen Frau, die im Krieg durch halb Europa ging, von der Geburtsstadt Wien über Paris, London nach Ost-Berlin, bevor sie 1984 dem real existierenden Sozialismus den Rücken zuwendet, im Gegenzug wieder in die Jüdische Gemeinde eintritt und dann schließlich nach Wien zurückkehrt. „Es gab keine wirklich französische Seite meiner Mutter, wie es eine wienerische, eine ungarische, eine englische und später eine Berliner Seite gab." (85) Barbara Honigmann erzählt mithin die Schicksale von Zeitgenossen Ihrer Mutter, Menschen aus der ganzen Welt, in Zeiten des Krieges und der politischen Verfolgung. Sie erzählt sie mit einer anrührenden Zuneigung zu ihrer Mutter in der Stimme. |
Shalimar der Narr Salman Rushdie Broschiert, 1. September 2007 Verkaufsrang: 11983 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden India will nicht India heißen. India klang für sie immer noch falsch, exotisch, kolonial, heißt es über eine der jungen Hauptfiguren in Salman Rushdies Roman Shalimar der Narr: ein Name, der die Aneignung einer Realität andeutete, die ihr nicht gehören konnte; und sie beharrte darauf, dass er sowieso nicht zu ihr passte, dass sie sich nicht wie Indien fühlte, obwohl ihre Haut von satter, tiefdunkler Farbe war, das lange Haar schimmernd und schwarz. India weiß gar nicht, wie sehr sie mit ihrer Abneigung intuitiv der Wahrheit nahe kommt. Denn in Wirklichkeit heißt sie gar nicht India. In Wirklichkeit heißt sie Kashmira. Gezeugt wurde Kashmira von der Tänzerin Boonyi und dem Ausnahme-Diplomaten Max Ophuls. Ophuls hat Boonyi dem Narren Shalimar ausgespannt. Shalimar lässt sich derweil aus Gram zum islamistischen Terroristen ausbilden und heuert als Chauffeur bei Ophuls an, der seinerseits lange für den US-amerikanischen Antiterrorkampf tätig war. Eines Tages schneidet er Ophuls die Kehle durch. India beginnt, nach den Hintergründen der Tat zu fahnden. Langsam kommt sie ihrer eigenen Geschichte auf die Spur: und der Leser erfährt, dass India eigentlich eine Allegorie ist für das geteilte und einstmals paradiesische Land Kashmir am Fuße des Himalaya, das zwischen Pakistan und Indien zerrissen ist. Warum gibt es Hass auf der Welt? Das ist die Frage, die Rushdie in den Hunderten kleiner Geschichten, Anspielungen und Verweise von Shalimar der Narr in immer neuen Varianten stellt. Es ist vor allem der Hass der Kulturen, dessen erstes prominentes Opfer er in gewisser Weise geworden ist und dessen Konsequenzen die Welt am 11. September 2001 zu spüren bekam. Rushdie will erklären und mystisch verklären zugleich, in einer ungemein phantasievollen, paradiesisch bunten Sprache. Manchmal will er auch zuviel. Aber im Grunde wird sich niemand während der Lektüre dieses faszinierenden Panoptikums langweilen. --Stefan Kellerer
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 7 Bewertungen)
ein großartiges Stück Weltliteratur 5 von 5 Punkten Den Roman habe ich - gestern beendet - zum zweiten Mal mit großer Bewunderung gelesen. Wenn man die ganze Geschichte schon kennt, kommen die genialen Details des Romanes noch besser in Erscheinung. Super gemacht.
Dem vorangestellten Beitrag gebe ich in einem Punkt recht. Das Buch hat nicht den schwülstigen Charme der orientalischen Erzählkunst von einigen früheren Werken Rushdies. Wie "Wut" und "Der Boden unter ihren Füßen" ist er nüchtener aber dennoch genial erzählt. Das 1001-Nacht Flair findet man bei "Shalimar" eher weniger; das muss aber auch nicht sein.
Im Gegenteil: es ist vorteilhaft, gerade das in unseren Augen weltentrückte Kaschmir in die Nüchternheit der globalisierten Welt einzubeziehen. Kaschmir kommt während der Erzählung aus einer beschaulichen, wohlgeordneten Struktur in das Desaster der weltweiten Religionskriege. Strukturiert erzählt und daher unausweichlich.
Grandios wie Rushdie Personen und Nationen, aber auch die Sichtweise Gut und Böse zu verweben versteht. 5 Sterne plus.
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Schundroman Bodo Kirchhoff Broschiert, November 2003 Verkaufsrang: 28637 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Charles Willefords Miami Blues habe ihn zu der Gangsterstory mit dem zufälligen Opfer auf einem Flughafen inspiriert. Das "Sizilianische unseres Literaturbetriebs", so der Autor, bewirkte schließlich, "dass jenes Anfangsopfer nur der Pate selbst sein kann". Erklärungen im Vorwort. Bodo Kirchhoff wirkt vergrätzt. Martin Walser hatte die Nase vorn. Spätestens seit dessen skandalumwittertem Schlüsselroman Tod eines Kritikers kennt man den Namen jenes "älteren Herrn mit weichem Mund und Eulenaugen" (Kirchhoff), der in diesem Sommer nun schon zum zweiten Mal ins literarische Jenseits befördert wird. Kirchhoffs Verlag hat sich entschlossen, den Roman vorzuziehen. Der Erfolg scheint vorprogrammiert -- ist aber auch ein großer Roman dabei herausgekommen? Im Schundroman segnet der Ahnungslose, Louis Freytag genannt, passenderweise an einem Buchstand am Frankfurter Flughafen das Zeitliche. Ein Betriebsunfall nur, verursacht durch den aus Manila eingereisten Auftragskiller Willem Hold, der einen Frankfurter Großkopferten kaltmachen soll. Dummerweise hat sich der Schweigsame mit dunkler Vergangenheit und Uhrentick auf dem Nachtflug in seine Sitznachbarin, die Edelnutte Lou Schultz, verknallt. Die kühle Dame hat selbst Dreck am Stecken, ist doch kurz zuvor ein reicher Freier während des Liebesspiels unter ihr weggestorben, nicht ohne ihr einen wertvollen Picasso vermacht zu haben. Am Airport lauern nun die gierigen Erben in Gestalt einer gebrochenen Detektivfigur. Eilig inszeniert der versierte Hold, um Lou entkommen zu lassen, ein Ablenkungsmanöver. Was lediglich als Nasenstüber gedacht war, schickt den unschuldigen Kritikerpapst Freytag jedoch für immer auf die Bretter. Der Literaturbetrieb kocht. Und das kurz vor der Buchmesse! Routiniert spult Kirchhoff seinen Plot herunter. Hammett und Chandler, fröhlich vereint mit den skurrilen Gewaltfantasien eines Tarantino. In einer wahren Blutorgie erschießt der weltmüde, einsame Wolf Hold in einem Frankfurter Nobellokal prompt den Falschen. Von nun an mischt der angeschossene Killer die halbe Mainmetropole auf, unterbrochen nur von freizügig geschilderten Liebesnächten in neonbeleuchteten Hotelzimmern, in denen er Lou seine einsilbigen Lebensweisheiten aus gefährlich gehobenem Mundwinkel entgegenquetscht. Kein Klischee aus dem Fundus der rauen Kerle dieser Welt bleibt bei dem Macho-Experten Kirchhoff ungedruckt. Sehr bald jedoch ufert das, was als Pulp-Fiction-Verschnitt passabel begann, in den Niederungen des bundesrepublikanischen Kulturbetriebs ins Absurde aus. Killer Hold verschlägt es auf die Buchmesse, Kirchhoff hat endlich sein Thema. Hassobjekte wie Michel Houellebecq, als Sensationsautor Ollenbeck des Kritikermords verdächtigt, werden ebenso abgewatscht wie Konkurrent Walser selbst, dieser "von Freytag gedemütigte, ältere Schriftsteller". Schnell finden wir uns auf der Ebene von ZDF, Fruchtzwergen, Beckmann und Biolek wieder. Deutsche Leser werden jede Menge Schlüssellochblicke genießen dürfen. Selbst Verona Feldbusch darf als frigide Sexautorin Vanilla Campus-Busche über Bohlen räsonnieren. Pulp ade, der Alltag hat uns wieder. Mit dem Label "Schundroman" hat sich Kirchhoff eine präventive Schutzschicht übergezogen, sich unangreifbar gemacht. Sage bitte keiner, er hätte es nicht gewusst. Und doch wurde das selbst verpasste Programm des Schundromans verfehlt. Dafür ist er zu gut. Der Kirchhoff allerdings, den man kennen und schätzen lernte, bleibt auch hinter den Erwartungen zurück. Fast entschuldigend wirken da schon die auf den letzten Seiten versammelten Pressestimmen, inklusive der Kritik des so schändlich Misshandelten, die allesamt die Stilsicherheit und Sprachgewalt des letzten, großartigen Kirchhoff-Buches Parlando rühmen. Man bleibt gespalten zurück: Tarantino auf der Frankfurter Buchmesse, das konnte einfach nicht ganz gut ausgehen. --Ravi Unger
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 15 Bewertungen)
Schöner Krimi-Roman! 5 von 5 Punkten „Schundroman" ist ein durch seine aktuellen politischen wie kulturellen Andeutungen „bundesrepublikanischer Krimi" um den im Exil lebenden Frankfurter Willem Hold, der in seine Stadt von Manila aus fliegt, um auftragsgemäß zu morden, sich unterwegs in die neben ihm im Flugzeug sitzende Edelnutte Lou Schultz verliebt, die ausgerechnet auf wunderliche Weise mit seinem Auftraggeber Narciso und auch seinem früheren Peiniger Zidona zusammenhängt. Auch die nicht uneigennützig ermittelnden Detektive Carl Feuerbach und Helene Stirius werden ausführlich in dieses Verwirrspiel einbezogen. Willem nimmt schließlich nach Lou's Ermordung Rache, das Ganze endet schließlich mit einem "Showdown" auf dem Gardasee. Die Charakterschilderung der Hauptfigur Willems bedient sich zwar einer Krimi-typischen Coolness, die aber dennoch bis hin zu tiefer Emotionalität reicht. Interessant ist der Zug einer Wahrhaftigkeit und einer trotz Schroffheit auch freundlichen Art bei Willem, die ihn rasch vertrauenswürdig machen bei den anderen. Der Roman - er ist darin mehr als nur ein Krimi - lebt von einer intensiven Beziehungssuche der Hauptpersonen untereinander. Sein Handlungsstrang ist spannungsreich komponiert, die Dialoge sind frisch und witzig und atmen viel untergründige Erotik. Ein echtes Lesevergnügen und sehr zu empfehlen! (21.03.04)
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Herz der Finsternis: Mit dem 'Kongo-Tagebuch' und dem 'Up-river Book' Joseph Conrad Taschenbuch, Juni 1998 Verkaufsrang: 156969 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden In den Abenteuerbüchern Joseph Conrads ist der Dschungel still. Im Herz der Finsternis (1899) etwa schlängelt sich der Kongo lautlos durch die "erhabene Stille des Urwalds": Die Geschichte von Kapitän Marlowe, der sich auf die Suche nach dem rätselhaften und grausamen Elfenbeinhändler Kurtz ins dunkle Afrika aufmacht, spielt sich vorwiegend in der "schweigenden Wildnis" ab. Erst als Marlowe Kurtz zum ersten Mal zu Gesicht bekommt, durchbricht ein schriller Schrei die Lautlosigkeit. Zunächst nur "ein Wort" in den Erzählungen der Eingeborenen, stellt sich der dämonische Redner nun "als eine Stimme dar". Und als Kurtz mit dem flüsternden Ausruf "Das Grauen! Das Grauen!" sein Leben schließlich aushaucht, wird die Wahrheit dieser Einschätzung offenbar: "Er war kaum mehr gewesen als eine Stimme". Im Herz der Finsternis, das von den teuflischen Schattenseiten der europäischen Zivilisation ebenso wie von den düstren Untiefen der menschlichen Seele berichtet, ist auch der Ich-Erzähler Marlowe für seine Zuhörer "nicht mehr gewesen als eine Stimme". Auf der CD-Fassung des Reclam Verlags nun leiht der 57-jährige Schauspieler Christian Brückner, der bereits Robert de Niro und Alain Delon synchronisierte, dem Organ des Kapitäns sein raues Timbre. Er tut dies mit viel Gespür für Conrads Text: Denn während der charismatische Kurtz "ernst, tief, bebend" -- als Störung im Urwaldschweigen eben -- hätte gesprochen werden müssen, ist die von Brückner gegebene Erzählstimme Marlowes ruhig, schlängelnd und tiefgründig wie der Kongostrom. "Meine Stimme ist es, die nicht zum Schweigen gebracht werden kann", behauptet Marlowe einmal. Nun macht uns die unverwechselbare Stimme Brückners den herrlich gleichförmig mäandrischen "Zauberfluss der Rede" vom Herz der Finsternis anschaulich. Getreu dem auf Kurtz gemünzten Diktum Conrads: "Man spricht nicht mit dem Mann -- man hört ihm zu". 5 CDs, Spieldauer: 303 Minuten. --Thomas Köster
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 19 Bewertungen)
Kino für die Ohren. Ganz große Erzählkunst. 5 von 5 Punkten Die Geo Hörwelten Auswahl ist an sich schon ein Genuß. Aber mit Joseph Conrads -Herz der Finsternis- wird dem Hörer ein besonderer Leckerbissen angeboten. Ein klassischer Erzähler der alten Schule mit einer überbordenden Geschichte von Leid, Glück, Abenteuer und Forscherdrang. Geschrieben in Worten, die auch heute noch berühren und anfassen. Aber gerade da liegt das Problem bei den klassischen Erzählern wie Conrad, Steinbeck, Sayoran oder Hemingway. Der heutige Leser findet oft nur schwer Zugang zur Sprache der großen Schriftsteller. Sicher sieht das bei einer absoluten Leseratte anders aus, aber nicht jeder verschlingt dutzendweise Bücher; schon gar keine Klassiker. Und genau hier setzen die Geo Hörwelten in genialer Weise an. Die alten Geschichten der großen Meister wollen erzählt werden. Okay, man kann sie auch lesen, aber es sind Erzählungen. Und wenn man einen Christian Brückner gewinnen kann, der die Geschichte in einer Art und Weise präsentiert, dass einem jeder Satz ein Bild in den Kopf zaubert, das sich einem die Nackenhaare aufstellen und man das Geräusch der Stromschnellen hört; was will man dann noch mehr?
Der alte Kapitän Marlowe erzählt seinen Freunden von seiner Reise den Kongo hinauf. Dort sucht und findet er den geheimnisvollen Mister Kurtz, der eine Art Phantom unter den Elfenbeinhändlern zu sein scheint. Gerüchte eilen ihm voraus und der junge Marlowe muss seinen ganzen Mut zusammennehmen, um die gefahrvolle Reise zu meistern...
Eine einfache Geschichte, aber erzählt mit Worten, die die Welt still stehen lassen können. Klar, einfach, phantastisch. Wer den Zugang zur Weltliteratur noch nicht gefunden hat, hier kann er es noch einmal versuchen. Sich einfach zurücklehnen, Christian Brückners Stimme lauschen und sich von Joseph Conrad in das dunkle Afrika zur Wende des 19. Jahrhunderts entführen lassen. Eine Reise mit den Ohren, die sie, das kann ich fast versprechen, nie wieder vergessen werden.
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Rehe am Meer Ralf Rothmann Broschiert, Juni 2008 Verkaufsrang: 216305 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Liebesgeschichten? Gibt es denn andere? fragt der Autor. Und ob er nun von den Nöten einer Zwölfjährigen schreibt, die sich nach dem Tod der Mutter verantwortlich fühlt für die Familie, ob er einen Polterabend mit ostdeutschen Bauarbeitern schildert oder von einer Krankenschwester in der Uckermark erzählt, die ihr Haus westdeutschen Feriengästen überläßt, während sie mit ihrem Sohn im Garten kampiert, ob er uns einen arbeitslosen Alkoholiker vorstellt, der seiner Frau auf die Schliche kommt, oder einen Zirkushelfer, der die Mißhandlung der Tiere nicht mehr erträgt - immer ist die Liebe das Wasserzeichen dieser Geschichten.
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 5.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 3 Bewertungen)
Wunderbare Kurzgeschichten über die Mystik des Alltags 5 von 5 Punkten Die ersten Romane des in Schleswig geborenen, seit Jahren in Berlin lebenden Autors, spielten im Ruhrgebiet. Die zwölf miteinander verwobenen Erzählungen im Buch "Rehe am Meer", sind mit einer Ausnahme, im Berliner Umfeld angesiedelt. Es sind Kurzgeschichten klassischen Zuschnitts. Die Figuren, die im Zentrum dieser Geschichten stehen, sind ganz normale Leute, die in der Regel in die unterschiedlichsten Schicksalssituationen hineingeraten und diese mit Tapferkeit bewältigen und so wieder aus ihrem Schicksal herauskommen. Die alltäglichen Katastrophen sind eigentlich in den meisten Fällen schon vor der erzählten Zeit da.
Die Figuren treten einen Moment aus ihrem Schicksal heraus. Und obwohl die meisten Geschichten aus der Ich-Perspektive wechselnder Personen erzählt werden, ist sofort ein Ton da, der dicht ist, der eine Atmosphäre schafft in die der Leser hineingezogen wird. Jede Geschichte hat einen anderen beeindruckenden Tonfall, denn dieser wird von den jeweiligen Figuren, deren Schicksal der Autor aufzeigen will, mitgebracht.
In allen Geschichten stecken Trost, Güte und enormes Einfühlungsvermögen. Und diese Feingefühl was der Autor für diese Mystik des Alltags zeigt, ist ein Realismus der durch die Dialoge lebt, die im Ton immer anders sind. Rothmann versteht es ganz großartig aus der Perspektive eines Mädchens, genau so wie aus der von Handwerkern, Tierpflegern, Maurern und anderen zu erzählen, weil er die ihnen eigene und eindringliche Sprache aus seiner Lebenserfahrung kennt. Er lässt seine Figuren reden, wie ihnen das Mundwerk gewachsen ist. Das alles ist hoch realistisch rübergebracht, denn all diese Erzählungen aus den unterschiedlichsten Arbeitswelten, Berufen und Milieubetrachtungen, sind von der Atmosphäre, und von den beschriebenen Welten, sehr genau.
Ralf Rothmann wäre keine starker Erzähler, würde er uns nicht bei jeder seiner Figuren Rätsel aufgeben. Diese Rätsel spürt man, sie sind mit der Sprache identisch. Es sind überwiegend Texte, die vom Leser großes Einfühlungsvermögen verlangen. Das ist eigentlich die besondere Qualität dieser zwölf Geschichten.
Es geht immer um Trennungen, Tode, Abschiede, Sterben, Liebe, angedeuteten Eros. Und wenn die Geschichten kippen, dann entsteht eine eigentümliche Transzendenz und eine profane Erleuchtung. Am Rande der Erzählung kommen häufig Tiere vor, Spatzen, Schweine, Wildschweine, Rehe, Hunde, Kühe, Krähen, Lamas, Ratten, Pferde, usw., usw. Tiere, obwohl sie uns im täglichen Leben immer begleiten, sind so eine Art Hieroglyphen, die wir nicht mehr lesen können. In einer der Geschichten wird auch thematisiert, dass die Tiere eine Art Seele verkörpern, ein Versprechen mit sich selbst identisch zu sein, etwas was Leben sein könnte, was die Menschen oft verfehlen und was sie gewollt oder ungewollt kaputt machen. Tiere bestimmen unseren Alltag, deshalb sind die auch nicht Besonderes, doch Ralf Rothmann versteht es einen wunderbaren Fächer zu spannen. Es gibt dieses Spektrum von dem unglaublich poetischen Caspar David Friedrichhaften Gemälde mit den "Rehen am Meer" bis zu diesem Kanaleffekt mit den Ratten in den Berliner Hinterhöfen.
Spannend und aufregend ist die Art wie Ralf Rothmann die Menschen in diesem wunderbaren Buch darstellt. Ob beim Zirkushelfer, beim arbeitslosen Alkoholiker, beim Polterabend mit ostdeutschen Bauarbeitern, bei den Sorgen der Zwölfjährigen für ihre Familie, bei der Zugfahrt Richtung Glücksburg, - Menschensympathie nimmt bei diesem Autor immer einen großen Stellenwert ein. Und ein Satz aus der dritten Geschichte "Stolz des Ostens", könnte eigentlich für alle Geschichten stehen: "Nehmen Sie dieses Wenige für Mehr".
Ein wunderbares Buch, atmosphärisch dicht geschrieben, von solcher Sogkraft, dass man es nicht wieder aus der Hand legen möchte. Keine Seite möchte ich missen. Ich empfehle dieses Buch mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielen Gründen.
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In seiner frühen Kindheit ein Garten Christoph Hein Broschiert, Juni 2006 Verkaufsrang: 102658 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Zur Zeit der Terroristenangst und der bundesdeutschen Notstandsgesetze in den 70er Jahren entstand ein schmales Bändchen, das zeigen sollte, wie schnell man als normale, besonders rechtschaffene Bürgerin ins Mühlwerk von Polizei und Justiz geraten kann. Die verlorene Ehre der Katharina Blum hieß das Buch, Heinrich Böll sein Autor. Jetzt ist dessen Protagonistin -- zumindest teilweise -- wieder auferstanden. Katharina Blumenschläger heißt die Frau, und ihr Vorbild ist durchaus real. Christoph Hein hat sie in seinem Roman In seiner frühen Kindheit ein Garten der RAF-Terroristin Birgit Hogefeld nachempfunden, die mit Wolfgang Grams befreundet war. Auch Grams hat einen Doppelgänger im Buch: Oliver Zurek, und dessen Geschichte ist eben die von Grams, den eine Spezialeinheit der GSG9 und Polizeieinheiten am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen stellten. Grams kam ums Leben. Selbstmord oder Hinrichtung? lautete damals die Frage, die unbeantwortet blieb, bis heute. In Heins Roman versucht ein normaler und besonders rechtschaffener Bürger, der Vater von Oliver Zurek, den Geschehnissen nachzuspüren -- und stürzt auf ein Netz aus Lügen und Gewalt, dass ihn an Gut und Böse zweifeln lässt. Christoph Hein, der schon im DDR-Staat mit merkwürdigen Polizeimethoden konfrontiert war, hat aus den Ungereimtheiten bundesrepublikanischer Rechtsstaatlichkeit einen faszinierenden Roman gemacht, der ein ums andere Mal die entscheidende Frage -- Wo leben wir eigentlich? -- klar umreißt. So ist der Leser bei der Lektüre des Öfteren versucht, das Buch ganz unliterarisch, als -- wenn auch fiktiv verschlüsselte -- Bestandsaufnahme der Ereignisse in und um Bad Kleinen zu begreifen. Aber damit täte man dem Buch bitter unrecht. Denn Hein hat auch sprachlich Beachtliches geleistet und das 70er-Jahre-Genre des Terroristenromans neu belebt, freilich, den Zeitumständen entsprechend, aus der rekapitulierenden Außenperspektive eines nur indirekt Beteiligten. Und ist dabei, trotz der etwas plumpen Anspielung, weit besser als einstmals Heinrich Böll. --Stefan Kellerer
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 5 Bewertungen)
Ein Buch, dass nachdenklich und traurig macht 5 von 5 Punkten Hein schreibt ein Buch in Anlehnung an die Geschehnisse von Bad Kleinen.
Doch das interessante ist weniger der eigentliche Tathergang, obwohl der Vater des Getöteten das ganze Buch hindurch über Jahre hinweg nach der Wahrheit sucht. Vielmehr ändert sich ab hier sein gesamtes Leben und alles, was bislang richtig erschien, ist auf einmal falsch.
Dabei tauchen zahllose Fragen auf. Was haben die Eltern in der Erziehung falsch gemacht, was hätte man besser machen können oder müssen? Ist man für das Verhalten seiner Kinder verantwortlich? Wie sehr kann man sich seinen eigenen Verwandten entfremden und abwenden? Wie weit geht Opportunismus und wann muss man seinen eigenen Weg gehen? Kann man der Justiz, der Exekutive und der Politik an sich noch vertrauen? Gibt es eine Wahrheit und eine Gerechtigkeit?
Jeder hat noch vor der Lektüre bereits seine Antworten, doch die Fragen stellten sich mir während der Lektüre immer wieder neu.
Auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass das Verhältnis des Elternpaares zueinander ebensolchen Platz einnimmt wie das des Vaters zu den Kindern, so kann ich dieses Buch jedem nur an Herz legen. Es ist zwar leicht zu Lesen, doch der Inhalt ist schwer zu Verdauen.
Ein solches Buch hätte ich mir zu meiner Abiturzeit mit dem richtigen Lehrer als Lektüre gewünscht.
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Anils Geist Michael Ondaatje Taschenbuch, November 2001 Verkaufsrang: 139627 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden In seinem Booker-Preis-gekrönten dritten Roman, Der englische Patient, untersuchte Michael Ondaatje das Wesen der Liebe und des Betrugs vor dem Hintergrund des Krieges. Sein vierter, Anils Geist, spielt ebenfalls in einem Krieg, aber im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, ist der Feind im blutigen Konfessionskonflikt, der Sri Lanka in den Achtziger- und Neunzigerjahren auseinanderriss, nur schwer auszumachen. Die Protagonistin, Anil Tissera, verließ ihre Heimat Sri Lanka im Alter von 18 Jahren und kehrt nun 15 Jahre später als Mitglied einer internationalen Menschenrechts-Untersuchungsmission zurück. In den dazwischenliegenden Jahren machte sie Karriere als Kriminalanthropologin, ein Beruf, der sie zu den Killing Fields von Mittelamerika führte, wo sie die Opfer des schmutzigen Kriegs in Guatemala ausgrub. Nun ist sie mit einer ganz ähnlichen Mission nach Sri Lanka gekommen. Wie sie aber bald feststellt, gibt es zwischen den beiden Aufträgen grundlegende Unterschiede. Die Leichen tauchen hier wöchentlich auf. Der Höhepunkt des Terrors fand in den Jahren 1988-89 statt, aber er fing natürlich schon lange vorher an. Beide Seiten töteten und vertuschten. Dies war ein inoffizieller Krieg, und keiner wollte es sich im Ausland verscherzen. Es lief also alles über Geheimkommandos und -gangs ab. Anders als in Mittelamerika, tötete hier die Regierung nicht direkt. In einer solchen Situation ist es nicht leicht zu erkennen, wem man vertrauen kann. Anils Kollege ist ein gewisser Sarath Diyasena, ein srilanker Archäologe, dessen politische Zugehörigkeiten, wenn er denn welche hatte, undurchsichtig waren. Zusammen decken sie durch den Fund eines Skeletts, dem sie den Namen Sailor geben, die Beweise eines von der Regierung in Auftrag gegebenen Mordes auf. Als Anil jedoch ihre Untersuchungen über die Ereignisse aufnimmt, die zu Sailors Tod geführt hatten, erkennt sie, dass sie in einem Netz aus Politik, Paranoia und Tragödie gefangen ist. Wie bei seinem Vorgänger untersucht der Roman den Bereich, in dem sich das Persönliche und das Politische im Angelpunkt des Krieges überschneiden. Der Stil ist jedoch viel direkter, weniger dicht poetisiert. Obwohl viele der literarischen Markenzeichen Ondaatjes vorhanden sind -- häufige Zeitsprünge, geradezu halluzinatorische Bilder, das allmähliche Verweben der Vergangenheit der Charaktere mit deren Gegenwart -- ist der Schreibstil hier viel zugänglicher. Das soll aber nicht heißen, dass der Autor seine poetischen Wurzeln vergessen hat; es gibt unterschwellige, evokative Bilder zuhauf. Nehmen Sie zum Beispiel nur diese Beschreibung Anils, die am Ende des Tages in einem Teich steht, "ihre Zehen zwischen den weißen Blütenblättern, mit verschränkten Armen, während sie den vergangenen Arbeitstag auszog, die Schichten der Ereignisse und der Vorfälle nach und nach ablegte, damit sie nicht mehr in ihr waren." Mit Anils Geist hat Michael Ondaatje sowohl eine brutale Untersuchung eines gegenseitigen Vernichtungskrieges geschaffen als auch eine bleibende Betrachtung über Identität, Loyalität und den festen Griff, den die Vergangenheit auf die Gegenwart ausübt. --Alix Wilber
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 8 Bewertungen)
Krieg infiltriert alles... 5 von 5 Punkten Ondaatje schreibt eindringlich wie kaum ein anderer über Kriege und deren Auswirkungen auf allen menschlichen Ebenen. Sein Schreibstil ist poetisch und szenisch mit der Wirkung, dass man sich teils wie im Kino vorkommt. Dabei ist ebenso wichtig, was Ondaatje nicht schreibt oder wie man so schön sagt, was zwischen den Zeilen steht. Die grösste Stärke dieses Buches ist die Eindringlichkeit und letzte Konsequenz mit der Ondaatje schreibt. Meines Erachtens noch eine Spur prägnanter und beklemmender als Der Englische Patient. Es gibt einzelne Szenen in diesem Roman die alleine das Geld für dieses Buch wert sind. Schlicht unglaublich...
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Auf der anderen Wange der Erde. Die Amerikas: Reisen in den Amerikas Cees Nooteboom Taschenbuch, 18. Juni 2008 Verkaufsrang: 186432 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden
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